«Der Stresstest für AKWs ist Makulatur»

© Sebastian Kruse/Ostkreuz
Er hat 2001 als einer der bislang einzigen Wissenschaftler den Sarkophag von Tschernobyl von innen inspiziert, aber Sebastian Pflugbeil gilt nicht erst seit daher als kritischer Geist in Sachen Atomkraft. Der promovierte Physiker und Mitbegründer der DDR-Bürgerrechtsbewegung Neues Forum erwirkte schon vor rund 20 Jahren die Abschaltung der beiden aus DDR-Zeiten stammenden AKWs von Greifswald und Rheinsberg. Pflugbeil ist Gründer und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz.



Eine Schweizer Zeitschrift hat kürzlich vom «Super-GAU, der keiner war» berichtet. Für Sie war das aber einer, oder?
Sebastian Pflugbeil: In den Medien wurde noch spekuliert, ob es zu einem GAU kommen könnte, als der Super-GAU längst eingetreten war. Ein GAU ist das, was eine Anlage mit den eigenen technischen Vorkehrungen gerade noch beherrschen kann, damit keine schädigenden Emissionen das Werksgelände verlassen. In Fukushima wurde diese Schwelle bereits in den ersten Minuten des Unfalls überschritten.

In der Schweiz steht in Mühleberg ein AKW, das von der Bauart her mit dem Reaktorblock 1 in Fukushima vergleichbar ist. Gibt es denn aus Ihrer Sicht nach Fukushima Grund, sich mehr Sorgen um die Sicherheit zu machen?
Ja, natürlich. Im Gegensatz zum Katastrophenreaktor in Tschernobyl liegt Fukushima in einem Hightech-Land mit sehr disziplinierten Technikern und gut ausgebildeten Wissenschaftlern. Trotzdem sind alle Beteiligten hilflos im Umgang mit der Katastrophe, weil die Handbücher dazu nichts aussagen. Und es wird ein Fehler nach dem anderen gemacht. Bei uns wäre das genauso. Deshalb ist es umso angebrachter, scharf auf die eigenen Atomkraftwerke zu schauen und dafür zu sorgen, dass man die so schnell wie möglich loswird.

Immerhin sollen jetzt die europäischen und auch die Schweizer AKWs mit einem Stresstest überprüft werden. Wie beurteilen Sie diesen Test?

Das reicht eindeutig nicht.

Weshalb nicht?
Es ist immer dasselbe Problem: Überprüfungen von technisch derart komplizierten Anlagen können im Grunde genommen nur Fachleute durchführen, die in diesen Anlagen arbeiten und mit ihnen vertraut sind. Diese Fachleute sind aber insgesamt von ihrer Grundhaltung her nicht daran interessiert, irgendwelche Probleme festzustellen. Das liegt in der Natur der Sache. Leute, die eine kritische Vorstellung haben von der Funktion der Kernkraftwerke, verfügen in der Regel nicht über die notwendige Erfahrung mit dem Betrieb solcher Anlagen. Daher werden die Überprüfungen von den Kernkraftwerken selber gemacht. Die müssten sich ja praktisch selber bescheinigen, dass sie Schwachstellen haben. Das werden sie mit Sicherheit nicht tun.

Das spricht nicht für ein übermässig grosses Vertrauen in die Aufsichtsbehörden, die diese Stresstests kontrollieren müssen.

Auch die Aufsichtsbehörden sind dazu nicht in der Lage. Für die deutschen Kernkraftwerke hat die Reaktorsicherheitskommissionm einen solchen Stresstest angeordnet und durchgeführt. Diese Kommission ist zusammengesetzt aus Fachleuten vom TÜV, mehreren Vertretern von Kernkraftwerken, vom französischen AKW-Bauer Areva, vom Stromkonzern E.on – alles Spezialisten, die ihre bisherige Arbeit in Frage stellen würden, wenn sie jetzt Probleme fänden. Die Kommissionsmitglieder haben sich an einen grossen Tisch gesetzt und Akten durchgeblättert, die ihnen die Betreiber der Kernkraftwerke zur Verfügung gestellt haben. Es hat kein einziger Besuch in einem Kernkraftwerk stattgefunden, keine einzige Messung, keine Materialprüfung. So taugt ein Stresstest nichts. Im Grunde ist er schon jetzt Makulatur.

Lesen Sie das vollständige Interview im Beobachter.

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