Beten für AKWs

Braucht ein Fussballclub Geld, so veranstaltet er ein Grümpelturnier. Ein Turnverein bekämpft die Ebbe in der Kasse mit einem Sponsorenlauf, ein Fischerverein mit einem Lotto. Was aber um Himmelswillen macht eine Organisation, die sich der Lösung von Energiefragen aus christlich-ethischer Sicht verpflichtet hat? Die Arbeitsgruppe Christen & Energie (ACE) hat auf diese Frage eine naheliegende Antwort gefunden: In einem Brief an sämtliche römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Schweiz bittet ACE um „Aufnahme in den Kollektenplan Ihrer Gemeinde“. Nach dem finalen Segen soll also an einem der Sonntage im kommenden Jahr in den Schweizer Kirchen nicht für die Bekämpfung von Aids in Afrika oder für „Brot für alle“ gespendet werden, sondern für eine Arbeitsgruppe, welche „die ethischen Grundlagen unseres Umgangs mit der Energie überdenken“ und dies „vermehrt auch besser in der Öffentlichkeit“ tun will.

Bei diesem Überdenken kommt jedoch bei der ACE, in deren Vorstand auch der CVP-Nationalrat und frühere Schweizergarde-Kommandant Pius Segmüller sitzt, seit Jahren immer wieder etwa das Gleiche heraus: Ob die ACE, welche die Öffentlichkeit bisher eher gemieden hat, nun über die „saubere“ Herkunft des in der Schweiz verwendeten Urans aufklärt, unter Seelsorgern Meinungsumfragen zur künftigen Stromversorgung veranstaltet oder, wie im jüngsten Posittionspapier mit dem wohlklingenden Namen „Ethik und Strom 2020“ Empfehlungen für die „Strom-Zukunft“ abgibt: Atomkraft schneidet stets gut ab.

Wer jedoch einen Blick in besagtes Positionspapier wirft, kommt tatsächlich etwas ins (Über-)Denken: So erhält Atomkraft von der ACE etwa die Höchstnote in der Kategorie „Betriebssicherheit“ (Fragestellung: „Welche Arten der Stromerzeugung sind derart sicher ausgelegt, dass eine Gefährdung für Menschen und Umwelt gegen Null tendiert? (Auch im Fall einer ernsten und schwerwiegenden Betriebsstörung)“).
Dass es auch beim Punkt „Klimaschutz“ die Höchstnote (drei Smileys) gibt, versteht sich fast schon von selbst. Interessanter wird es da schon wieder bei der „Generationengerechtigkeit“. Auf die Frage „Welche Arten der Stromerzeugung verbrauchen möglichst wenig Ressourcen (…); bzw. überlassen künftigen Generationen möglichst wenig nicht zumutbare Lasten?“ gibt es immerhin zwei Smileys und das Prädikat „trifft zu“.

Der Energieblogger als Stromkonsument und gelegentlicher Kirchgänger denkt ob solchen Bewertungen an Tschernobyl, Majak und Atommüll und reibt sich erstaunt die Augen. Dass die Atomkraft in der Schlussabrechnung der ACE mit dem Prädikat „sehr empfehlenswert“ abschneidet, während die göttliche Kraft der Sonne als Energiequelle nur ein „weniger empfehlenswert“ erhält, wundert ihn dann schon nicht mehr so sehr.

Und der Energieblogger fragt sich, ob er statt dem nächsten Familiengottesdienst nicht doch lieber ein Grümpelturnier besuchen soll.

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7 Gedanken zu „Beten für AKWs

  1. Lieber Herr Angeli,

    statt dumme Gerüchte über die ACE und über den Gottesdienst in die Welt zu setzen, den Sie ja mit dem Grümpelturnier auf eine Stufe zu stellen scheinen, empfehle ich Ihnen wieder einmal einen wirklichen Gottesdienst zu besuchen. Es könnte sich lohnen.

    Und noch was: Bleiben Sie einfach fair!
    Wir als ACE sind ein kleiner und unabhängiger Verein mit schmalem Budget, gerade darum haben wir den besagten Kollektenbrief verfasst und an die Kirchgemeinden und Pfarreien verschickt, denen es ja frei steht, darauf nicht zu reagieren.
    Aus diesem Kollektenbrief geht mitunter auch hervor, dass Ihre These, dass wir dank der „Atomlobby“ finanziell auf Rosen gebettet sein sollen, überhaupt nicht stimmt.
    Aber das scheint Sie ja kaum zu interessieren, da Sie es schon viel besser wissen gemäss dem Motto: „Und leg ich’s nicht aus, so leg ich’s unter!“

    Stefan Burkhard, Pfarrer und Präsident der ACE

  2. Ich kann nur sagen, letztlich steht es natürlich auch dem
    ACE frei so zu handeln, auch sie dürfen Spenden erbitten und die
    Kirchen können ja wirklich selbst entscheiden. Eine andere Frage
    ist das Image einer solchen Organisation und die damit
    einhergehenden Problem, damit sollte sich dann jeder Pfarrer im
    einzelnen auseinandersetzen und überlegen ob nicht doch auch genug
    andere ziele wie hungernde Kinder, Arme und Kranke auch eher Hilfe
    brauchen könnten. p.s. finde es aber sehr fair auch die
    Gegenstellungnahme zu veröffentlichen.

  3. Zuerst machte mich ja dieser Text (ACE-Pamphlet) unglaublich wütend.
    Aber ich bin nun Pfarrer Burkhard doch irgendwie dankbar, dass er sich so im sinne dieser christliche Nächstenliebe einsetzt. Und wir wissen ja nun genau wer diese“nächsten“ sind.
    Apropos Herr Pfarrer: ACE meint auch … 44% (der befragten Kirchenvertreter) halten die Stromproduktion durch Kernkraftwerke für unethisch.
    Das wären, sollten ihre Zahlen stimmen, 352 Stimmen entgegen dem Axiom der ACE.
    Nun ich wünsche Ihnen, dass sie bald genügend Mitglieder haben damit es auch mal für ein Freundschaftsspiel zwischen ACE und FME reicht.

    Vielleicht nimmt Bobby (mein kürzel für die „Big StromLobby“) auch auf die gehaltsliste. Ich hätt da auch schon einen Namen und 3-4 Leute krieg ich sicher zusammen die sich mitbeteiligen.
    Mein Namensvorschlag: Sachlich Hilflose im christlichen Exil (SHICE)
    Man muss Astroturf’ing einfach lieben.

    Ok … vielleicht lieg ich ja falsch und ACE hat recht (glauben ist doch verhandelbar) …
    dann freuen wir uns schon mal auf weitere neue Impulse aus der Wirtschaft.
    4 Todsünden sind ja auch genug. Geiz, Wollust und Völlerei kann man Markttechnisch super in unsere Gesellschaft integrieren und müssen nur noch positiver und agressiver vermarktet werden.
    Religion 2.0 … was nicht passt wird passend gemacht.

    1. Sachlich Hilflose im christlichen Exil (SHICE)

      Ich konnt mich nicht mehr halten 😉 den merk ich mir.
      merci und grüsse, r

  4. Wer sich betroffen fühlt, schreit auf! Ich ginge auch lieber an ein Grümpelturnier als in einen Gottesdienst. Nichts gegen Organisationen, die sich für die Schwächeren einsetzen, aber dass solche Hilfe immer auch mit dem Verbreiten von zweifelhaften Informationen (um dem mal nicht Lügen zu sagen) verbunden sein muss, gerät mir immer ärger in den falschen Hals.
    Wenn die Atomlobby der ACE auch vielleicht nicht direkt finanziell unter die Arme greift, ist es doch verwerflich, mit Halbfakten um sich zu werfen und dann anderen das Gleiche vorzuwerfen.
    Eben: Wer sich betroffen fühlt… – und grad noch ein Zitat: Wer unschuldig ist, werfe mal den ersten Stein…

  5. Sehr geehrter Herr Burkhard

    Der Kirchenbote zitiert Sie; “ Gottes Schöpfung hat die Kernspaltung vor uns erfunden.“ Angefügt wird die These/Hypothese von einem Uranlager in Gabun, wo vor 2 Milliarden Jahren Kernspaltung stattgefunden haben soll.

    Wenn andere frech irgendwas behaupten dürfen, so behaupte ich, dass Atomkernspaltung in der Art, wie sie im Atomreaktor erzeugt wird, in der Natur nicht vorgesehen ist.

    Es ist einfach unglaublich, was alles behauptet wird, um den Menschen die Atomenergie schmackhaft zu machen. Energie, die „natürlich“ und sauber ist und deren Leben zerstörenden Nebenprodukte (radioaktive Abfälle) als „wervolle Rohstoffe“ genutzt werden könnten.

    Bitte liefern Sie verständliche und plausible Ausführungen, sowie die entsprechenden Beweise für Ihre Behauptungen.

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