Archiv der Kategorie: Atommüll

Der Geheimpapier-Bärendienst

Wer immer der «Sonntagszeitung» das Nagra-Papier zugespielt hat: Der Sache hat er damit nicht gedient.

Walter Wildi oder Marcos Buser also: Einer der beiden Geologen hat der «SonntagsZeitung» das als Dokument zugespielt, das bald schon als «Geheimpapier» die Runde machte und schliesslich zu einem zerknirschten «Sorry» von Nagra-Verwaltungsratspräsident Pankraz Freitag führte. Das macht das auf der Nagra-Website aufgeschaltete «Geständnis» des ehemaligen Nagra-Mitarbeiters deutlich.

Über den Inhalt des Dokuments spricht man aber am besten immer noch im Konjunktiv. Es könnte sein, dass die Nagra zwei Gebiete bereits als Standorte für Endlager ausgewählt hat. Es könnte aber ebenso sein, dass es sich tatsächlich nur um «Referenzszenarien» handelt, wie die Nagra erklärt. Klar ist: Wenn zur nunmehr 40 Jahre dauernden Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle plötzlich konkrete Namen auftauchen, ist der Riesenwirbel programmiert. Und genau darum ging es dem Überbringer des Papiers.

Schade. Denn wer auch immer das Dokument schliesslich an die «SonntagsZeitung» weitergereicht hat, einer Sache hat er damit mit Sicherheit nicht gedient: der Aufklärung, inwiefern das Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI und das Bundesamt für Energie (BFE) nach der Pfeife der Nagra tanzen. Die Vorwürfe, vorgetragen von Marcos Buser und Walter Wildi, sind gravierend: «Die Nagra gibt den Aufsichtsbehörden vor, wo es langgeht. Sie schreibt ihnen die Drehbücher: Konzepte wie der Sachplan oder die Erschliessung des Endlagers», erklärte Wildi Anfang August in der «WoZ»: «Öffentlich sagt die Nagra dann aber: Wir tun nur, was die Behörden verlangen. Das ist doch Heuchelei. Aufsicht und Nagra arbeiten Hand in Hand, man spricht sich ab.»

Aufgrund dieser Vorwürfe initiierte der ENSI-Rat, das Aufsichtsgremiumüber das ENSI, im Sommer eine Untersuchung. Dabei ist man offensichtlich gewillt, gründlich vorzugehen. Der Rat hat die beiden Experten angehört und führt zurzeit weitere Abklärungen. Die letzte Sitzung des ENSI-Rats Anfang September jedenfalls brachte noch keine Klärung, offenbar laufen weitere Abklärungen.

Die Weitergabe des Nagra-Papiers an die «SonntagsZeitung» dürfte die Glaubwürdigkeit der beiden Geologen Wildi und Buser nicht eben erhöht haben, im Gegenteil: Sie müssen sich nun den Vorwurf gefallen lassen, einen persönlichen Feldzug gegen Nagra (und damit auch das ENSI und das BFE) zu führen. Der Aufklärung der seit Jahren kursierenden (und nicht unplausiblen) Filz-Vorwürfe dient dies sicher nicht.

Mühleberg II: Selbst Experten kritisieren Zwischenlager-Pläne

Das geplante Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle in Mühlberg wirft hohe Wellen. Dass es im Abstimmungsbüchlein nicht erwähnt wurde, ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. Der andere: Selbst unverdächtige Experten sind dagegen.

«Eklat um AKW-Abstimmung», titelte der «Tages-Anzeiger», gar einen «Skandal» machte «20 Minuten» aus. Grund für die Aufregung: Nachdem der «Beobachter» schon Ende Dezember berichtet hatte, dass im Rahmenbewilligungsbesuch für das neue AKW in Mühleberg ein Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall geplant ist, griff vier Wochen vor der Abstimmung in Bern über Mühleberg II auch die «SonntagsZeitung» das Thema auf. Sie enthüllte, dass im Abstimmungsbüchlein, das die Stimmberechtigten über die Vorlage informieren sollte, kein Wort von einem Zwischenlager steht. Die Bernerinnen und Berner entscheiden am 13. Februar darüber, ob der Kanton zu einem Neubau in Mühleberg eine positive oder eine negative Stellungnahme abgeben soll.

Was bisher nicht in Zeitungsberichten (und im Abstimmungsbüchlein schon gar nicht) stand: Selbst Experten halten ein solches Lager für fragwürdig. Das geht aus der Stellungnahme der Kommission für die nukleare Sicherheit (KNS) hervor, einem reinen Fachgremium, das den Bundesrat berät.

Die KNS hat in den vergangenen Monaten den Bericht des Eidgenössischen Nuklearsicherheits-Inspektorats (Ensi) zu den drei Rahmenbewilligungsgesuchen für neue AKWs unter die Lupe genommen und gibt nun Empfehlungen ab. Die Experten äussern sich dabei auch zur BKW-Idee eines Zwischenlagers im «Ersatzkernkraftwerk Mühleberg» (EKKM), in dem auch hochradioaktive Abfälle aus anderen Atomkraftwerken gelagert werden. Ihr Urteil fällt eindeutig aus:

«Nachdem ein zentrales Zwischenlager [in Würenlingen, Red.] vorhanden ist, besteht nach Ansicht der KNS keine grundsätzliche Notwendigkeit, im EKKM Einlagerungen von Abfällen und Brennelementen aus Kernanlagen von anderen Standorten vorzusehen», schreibt die KNS, und weiter: «Im EKKM sollen nur abgebrannte Brennelemente gelagert sowie radioaktive Abfälle konditioniert und zwischengelagert werden, die ihren Ursprung aus Kernanlagen am Standort Mühleberg haben.» Alles andere sei nicht im Sinn einer «kohärenten Strategiefür die Entsorgung der radioaktiven Abfälle in der Schweiz.»

Nebenbei bemerkt: Drei der sieben Mitglieder der KNS sind ebenfalls Mitglied bei der Lobbyorganisation Nuklearforum. Aus unverdächtigerer Quelle kann Kritik an den AKW-Plänen kaum kommen.

Neue AKW: Zwischenlager geplant

Ein Zwischenlager für Atommüll existiert bereits. Nun sollen direkt bei den geplanten Atomkraftwerken weitere riesige Deponien entstehen.

Wenn im Jahr 2013 darüber abgestimmt wird, ob und wo in der Schweiz neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen, entscheidet das Stimmvolk auch gleich über Bauten, die die AKWs um Jahrzehnte überdauern werden. Bei allen drei Neubauprojekten in Mühleberg (BKW), Beznau (Axpo) und im Niederamt (Alpiq) ist auch ein Zwischenlager für die radioaktiven Abfälle vorgesehen. Wenn, wie von den Betreibern geplant, zwei dieser Projekte gebaut werden, entstehen mit ihnen auch zwei temporäre Deponien für Atommüll.

Dabei ist klar, dass die geplanten AKWs Platz brauchen würden, um die radioaktiven Abfälle bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers zwischenzulagern. Unbestritten war jedoch bisher, dass sämtliche Abfälle aus den bestehenden fünf Atomanlagen vorerst im zentralen Zwischenlager (Zwilag) in Würenlingen deponiert werden. Sämtliche abgebrannten Brennelemente, aber auch verstrahlte Anlageteile, die dereinst beim Rückbau der Anlagen anfallen werden, hätten in Würenlingen Platz, erklärt Zwilag-Geschäftsführer Walter Heep: «Das ist ja gerade der Sinn des Zwilag.»

Nun sehen die AKW-Betreiber jedoch vor, neben den neuen Atomkraftwerken riesige Hallen zu errichten, in denen nicht nur die Abfälle der geplanten Atomanlagen, sondern auch die abgebrannten Brennelemente und die Rückbauabfälle der bestehenden AKWs Platz haben sollen.

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