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Majak-Direktor: «Kommen Sie, wir zeigen Ihnen alles.»

Umweltprobleme? Gewässerverschmutzung? Radioaktive Abfälle? Alles kein Problem, sagt Sergej Baranow. Der Direktor des umstrittenen russischen Atomkomplexes Majak über Transparenz, Altlasten und Sommervergnügen.

Mindestens vier Schweizer AKWs haben in den vergangenen Jahren Brennelemente mit Uran aus dem russischen Majak eingesetzt. Beim fünftem, dem AKW Mühleberg, schliesst man zumindest nicht aus, vor einigen Jahren einmal Brennelemente mit Uran aus Majak erhalten zu haben. Der «Einheitsbetrieb Produktionsgenossenschaft Majak», eine Anlage mit 14 000 Angestellten, welche sowohl für zivilie als auch für militärische Zwecke produziert, steht jedoch in der Kritik. Zwischen 1949 und 1967 kam es zu drei grossen Zwischenfällen, durch welche die betroffenen Gebiete noch heute stark verseucht sind, wie eine Reportage im «Beobachter» zeigt. Umweltorganisation und Anwohner kritisieren zudem, dass aus Majak noch heute radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen. An einer Veranstaltung in Chelyabinsk (Russland) nahm Majak-Direktor Sergej Baranow nun erstmals gegenüber Schweizer Medienvertretern Stellung.

Sergej Baranow: «Wir befinden uns innerhalb der Grenzwerte, im grünen Bereich. Das ist das Wichtigste.» Fotos: © 2010 Tomas Wüthrich, www.bildhoch2.ch

Herr Baranow, in der Schweiz ist Ihre Atomfabrik Majak zurzeit ein Thema. Sie können uns sicher sagen, ob in Schweizer Brennelementen Uran drin ist, das aus Majak stammt.
Diese Frage sollten Sie an TVEL richten, den Hersteller der Brennelemente. TVEL führt alle Verhandlungen mit ausländischen Kunden.

Liefert denn Majak in irgendeiner Form Uran an TVEL?

Ja, wir extrahieren aus alten Brennstäben Uran und liefern dieses an TVEL.

Gibt es in Majak Inspektionen der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA?

2009 gab es eine Inspektion. Die IAEA hatte keine Beanstandungen.

Betraf diese Inspektion den ganzen zivilen Bereich von Majak?

Die ganze Produktion ist sehr schwer zu beurteilen. Wir haben aber der IAEA alles gezeigt, was sie sehen wollten.

Und die IAEA-Standards werden eingehalten?

Ich sage es noch einmal: Es gab keine offenen Fragen von Seiten der IAEA.

Gilt das auch für die Wiederaufbereitungsanlage?

Vor allem für diese.

Sie haben kürzlich erklärt, es gebe keine Auswirkungen der Atomanlage Majak auf die Umwelt. Haben wir Sie da richtig verstanden?

Wie jedes Industrieunternehmen, das mit chemischen Stoffen zu tun hat, haben wir einen gewissen Einfluss auf die Umwelt. Wir bezahlen für diese negativen Einflüsse eine Entschädigung, wie das weltweit Praxis ist. In der letzten Zeit haben wir aber keine Grenzwerte mehr überschritten.

Was meinen Sie mit negativen Einflüsse auf die Umwelt?

Es gibt bestimmte Grenzwerte, und wir befinden uns innerhalb dieser Grenzwerte, im grünen Bereich. Das ist das Wichtigste.

Welche Bereiche betreffen diese negativen Auswirkungen? Die Luft, das Wasser, den Boden oder alles zusammen?

Alles zusammen. Es wird integriert geschätzt.

Gibt es dazu Zahlen, Belege oder Messungen, die offengelegt werden?

Das machen wir natürlich, wir informieren offen und verstecken nichts. Alle Zahlen, die wir angeben, werden von Aufsichtsbehörden kontrolliert. Zudem werden wir von den Naturschutzbehörden kontrolliert. Es wird auch überprüft, ob wir die Technologien richtig anwenden. Wir haben dazu einen Umweltbericht veröffentlicht.

Wenn alles in Ordnung ist, wäre es denn möglich, den zivilen Teil der Anlage Majak einmal zu besuchen?

Das ist nicht verboten, man muss das nur bei der staatlichen Behörde Rosatom beantragen. Wenn das bewilligt wird, dann sind Sie herzlich willkommen. Wir werden oft von ausländischen Delegationen besucht, und es kommen auch Journalisten. Wir werden auch von Inspektoren kontrolliert, zum Beispiel von der amerikanischen Seite.

Im Bericht der russischen Atomaufsichtsbehörde steht, dass in Majak verschiedene gesetzliche Standards nicht eingehalten werden.

Aus welchem Jahr ist dieser Bericht?

2009 oder 2008. Was könnte in Sachen Umweltschutz in Majak verbessert werden?

Wir wollen in Zukunft das Aufbewahren von flüssigen radioaktiven Abfällen vermeiden. Es wäre am besten, wenn alle Abfälle der Produktion sofort einbetoniert oder auf eine andere Weise gehärtet würden. Das ist das wichtigste Ziel.

Wo liegen die Probleme genau?

Wir lassen keine Abfälle mehr in die Teiche fliessen, sondern haben spezielle Reservoirs. Diese gehören zur Nutzungskette und damit zur Technologie des Unternehmens. Es gibt keine Einleitungen in das offene Wassersystem des Flusses Tetscha.

Seit wann ist das so?

Das war schon immer so. Die gefährlichen Einleitungen erfolgten vor 1957.

Würden Sie persönlich in der Tetscha baden?

Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Jetzt ist es ziemlich kalt.

Und im Sommer?

Kommen Sie im nächsten Sommer, dann gehen wir vielleicht zusammen baden.

Verstehe ich richtig, dass überhaupt keine Abfälle in die Tetscha, in das Teichsystem oder in den Karatschaisee eingeleitet werden?

Wir haben es nur mit radioaktiven Abfällen zu tun, die sich früher angesammelt haben.

Es werden also auch keine leicht radioaktiven Abfälle in die Tetscha eingeleitet?

Ich habe doch gesagt, dass Majak nichts in den Fluss abgibt.

Aber Ihr Vorgänger wurde angeklagt, von 2001 bis 2004 radioaktive Abfälle in die Tetscha eingeleitet zu haben.

Gibt es dazu einen Gerichtsentscheid?

Er wurde amnestiert. Aber es gab eine Anklage.

Aber es wurde vom Gericht nicht bewiesen.

Sie sagen also, dass von 2001 bis 2004 nichts in die Tetscha, ins Teichsystem von Majak, in den Karatschaisee oder in irgendwelche andere Gewässern gelangt ist.

Das ist so.

Wir haben hier eine Tabelle, die aufzeigt, wieviel leicht radioaktiver Abfall in die Tetscha gelangt. Wie kommentieren sie diese Zahlen?

Der Autor von diesem Dokument muss das erst einmal beweisen. Kennen Sie ihn?

Persönlich nicht, vielleicht kennen Sie ihn?

Wir haben unsere eigene Zeitschrift in Majak, die heisst „Fragen der atomaren Sicherheit“. Diese Zeitschrift gibt es auch auf Englisch. Wir veröffentlichen darin regelmässig Umweltberichte. Da gibt es auch ganz viel Material zur Tetscha, auch wissenschaftliche Arbeiten werden veröffentlicht, mit Schätzungen zur Verschmutzung des Flusses. Es gibt auch viele Materialien dazu, wie die Leute von der Strahlung beeinflusst werden. Ich schlage vor, dass Sie diese Zeitschrift lesen. Seit dem 19. November 2010 gilt zudem eine neue Norm, nachdem die leichtaktiven Abfälle gar nicht mehr als Abfälle gelten.

Diese Abfälle können also direkt in die Tetscha eingeleitet werden?

Wir dürften das, aber wir können nicht, weil wir keine direkten Leitungen haben.

Wir haben hier einen Bericht der russischen Atomaufsichtsbehörde, in dem steht, dass gewisse Becken mit flüssigen radioaktiven Abfällen ohne Rechtsgrundlage betrieben werden.

Das regeln wir bis Ende Jahr, dann bekommen wir auch eine Lizenz dafür. Bis heute ist die Gesetzgebung so, dass es nicht nötig war. Das ist nicht die Schuld von Majak.

Das heisst, die Gesetzgebung wird angepasst.

Früher gab es in der Gesetzgebung keine Möglichkeit, so etwas zu registrieren. Jetzt gibt es diese Möglichkeit, und dann tun wir das auch. Wie kann ein Industrieuntenehmen überhaupt ein Gewässer beherrschen? Können Sie einen Ozean beherrschen?
Ich wiederhole es noch einmal: Ich lade Sie ein, sich alles anzuschauen. Sie müssen das nur beantragen. Dann können Sie sich auch die Wiederaufbereitungsanlage RT-1 ansehen und die Röhre suchen, durch die angeblich radioaktive Abfälle in die Tetscha gelangen.

Aufgezeichnet von Thomas Angeli

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«Dreckiges» Uran in Schweizer AKWs – noch bis 2020

In zwei Schweizer AKWs kommen Brennelemente zum Einsatz, die wiederaufbereitetes Uran aus der hoch verseuchten russischen Atomanlage von Majak enthalten – und dies entgegen anderen Beteuerungen noch mindestens 10 Jahre lang.

Jahrelang gab sich die Axpo unwissend. Man habe keine Hinweise darauf, woher das Uran stamme, das in den Brennelementen der AKWs Beznau und Gösgen (an dem die Axpo zu 37 Prozent beteiligt ist) eingesetzt wird. Auch in der «Umweltdeklaration», die die Axpo 2008 für Beznau erstellen liess, ist nichts Konkretes zu finden.

Anfang September jedoch musste Axpo-CEO Manfred Thumann in der «Rundschau» eingestehen, «dass ein Teil des Urans leider auch aus Majak kommt». Und «Majak» ist nicht nur eine Stadt im Ural mit einer Wiederaufbereitungsanlage für Uran, sondern auch Synonym für eine der am stärksten verseuchten Gegenden der Welt. 1957 war in der dortigen Atomanlage ein Tank explodiert, die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind katastrophal.

Der fragliche Liefervertrag für Brennelemente sei «praktisch erfüllt», erklärte Thumann in der «Rundschau» auf die Frage, ob die Axpo weiterhin wiederaufbereitetes Uran aus Majak beziehen werde. Nun zeigen Recherchen des Beobachters aufgrund eines offenen Briefs von Greenpeace, dass das nicht stimmt. Thumann habe sich bei seiner Aussage in der «Rundschau» einzig auf den Vertrag bezogen, der bei der Erstellung der Umweltdeklaration gültig war, räumt Axpo-Sprecherin Anahid Rickmann ein: «Bei diesem Vertrag ist die Lieferung der Brennelemente erfüllt.» Ein anderer Vertrag, der 2005 abgeschlossen wurde, läuft jedoch bis 2020 weiter. Vom russischen Vertragspartner der Axpo, dem Brennelemente-Hersteller TVEL, ist bekannt, dass er wiederaufbereitetes Uran aus Majak bezieht. Die Axpo erklärt nun, sie führe «andauernde, umfangreiche Abklärungen zur Herkunft des wiederaufbereiteten Urans».

Lesen Sie den Artikel auf beobachter.ch

Ein Atom-Manager schwitzt

Recherchen der «Rundschau» werfen ein äusserst schiefes Licht auf die von Schweizer Stromwirtschaft propagierte «saubere» Atomenergie. Das Politmagazin von SF ist der Lieferkette des Urans nachgegangen, das in den AKWs von Beznau (Axpo) und Gösgen (von der Alpiq geführt) verwendet wird – und hat Erschreckendes zutage gefördert. Ein Teil des Brennstoffs stammt aus der Wiederaufbereitungsanlage von Majak im südlichen Ural und damit aus einer der am stärksten radioaktiv verstrahlten Gegenden der Erde.

Majak, eine heute für Ausländer gesperrte Stadt, steht synonym für eine unschöne und von den AKW-Betreibern gerne verschwiegene Seite des Atomstroms: In der russischen Stadt war am 29. September 1957 ein 250 000 Liter fassender Tank mit radioaktiven Nukliden explodiert. Durch den Unfall, der auf der international gültigen INES-Skala in die Kategorie 6 eingeteilt wurde, wurden rund 300 000 Menschen verstrahlt.
Auch heute ist die Gegend noch stark kontaminiert und – nach westlichen Massstäben – eigentlich unbewohnbar, wie eine sehenswerte Dokumentation von «Arte» zeigt. Einem Spezialisten des unabhängigen französischen Labors CRIIAD fällt bei der Frage, welcher Ort sich mit der Umgebung von Majak vergleichen lasse, nur ein Name ein: «Tschernobyl». Der GAU in Tschernobyl ist denn auch der einzige AKW-Unfall, der auf der INES-Skala höher eingestuft wurde als derjenige von Majak.

In der «Rundschau» vom 8. September mussten nun Axpo-Geschäftsleitungsmitglied Manfred Thumann und Fabian E. Jatuff, Leiter Kernbrennstoff des AKWs Gösgen, erstmals zugeben, dass «ein Teil des Urans leider auch aus Majak kommt» (Thumann). Dabei hatte das AKW Beznau bei der Publikation der «Umweltdeklaration der Stromproduktion ab KKW Beznau» im Oktober 2008 noch stolz von einer «positiven Ökobilanz» gesprochen – eine Behauptung, die nicht nur Greenpeace anzweifelte. Umso peinlicher nun das öffentliche Eingeständnis, dass das verwendete Uran alles andere als sauber und die Ökobilanz aufgrund dessen Herkunft katastrophal ist.

Die Betreiber der beiden AKWs hatten übrigens angeblich monatelang recherchiert, woher das in ihren Meilern verwendete, wiederaufbereitete russische Uran genau stammt. Dabei hätte ein Anruf bei der Internationalen Atomenergie-Agentur gereicht, wie der «Rundschau»-Beitrag zeigt. Dort heisst es nämlich lapidar: «Nach unseren Informationen steht die einzige Anlage, wo Russland Uran für Atomreaktoren wiederaufbereitet, in Majak.»

Es sind solche Aussagen, die Axpo-Geschäftsleitungsmitglied Manfed Thumann auf dem Stuhl der «Rundschau» bös ins Schwitzen bringen. Wer das Eingeständnis und die von Thumann gelobte Besserung lieber schriftlich hat, kann das ganze Interview – wortwörtlich, unredigiert und mit freundlicher Genehmigung der «Rundschau» – hier nachlesen:

Urs Leuthard: Herr Thumann, jetzt wollen wir natürlich wissen nach diesen vielen Monaten, in denen Sie nachgeforscht haben, wo kommt das wiederaufbereitete Uran aus Beznau her?

Manfred Thumann: Wir wissen heute wesentlich mehr. In der Tat, es hat länger gedauert, als wir selber gehofft hatten, und wir müssen leider feststellen, dass ein Teil des Urans leider auch aus Majak kommt.

Leuthard: Wieso hat das so lange gedauert?

Thumann: Ja, das ist eine gute Frage. Es ist einfach so: Die Lieferkette geht über mehrere Stationen. Und man muss immer wieder anstossen, dass ein Lieferant den anderen Lieferanten um diese Nachweise bittet. In der Tat scheint es ungewöhnlich heute zu sein, dass ein Lieferant dies wissen will.

Leuthard: Aber das ist doch erstaunlich. Die internationale Atomenergiebehörde wusste offenbar schon längst, dass das nur aus Majak kommen kann.

Thumann: Nun ja, der Punkt ist: Wenn wiederaufbereitetes Uran verwendet wird, dann gibt es nur ganz wenige Orte, wo das gemacht werden kann. Für uns war nicht klar, ob in unseren Brennelementen wiederaufbereitetes Material tatsächlich drin ist.

Leuthard: Aber Gösgen wusste das offenbar und sagte auch schon vor einigen Monaten: Ja, wir habens aus Majak.

Thumann: Wir haben in den einzelnen Kernkraftwerken sehr unterschiedliche Kernbrennstofflieferverträge. Auch wir haben eine ganze Bandbreite von Verträgen. Aber gerade der, der kritisiert worden ist für Beznau, dort war das eben nicht klar.

Leuthard: Aber Greenpeace hat Sie schon vor ungefähr einem Jahr darauf aufmerksam gemacht, dass das Material aus Majak stammen muss. Die wussten offenbar mehr als Sie selber?

Thumann: Ja das glaube ich nicht. Aber sie haben den Punkt auf eine Stelle gelegt, in unseren Berichten, wo wir versucht haben pionierhaft mal darzustellen, was ist eigentlich die Gesamtökobilanz von solchen Brennelementen und die ganzen Lieferketten betrachtet. Wir haben basierend auf einem Vertrag, den wir haben, eine Annahme gemacht. Und Greenpeace hat diese Annahme bezweifelt. Dann sind wir dieser Annahme nachgegangen und haben feststellen müssen, dass diese Annahme tatsächlich zwar vertragskonform war, aber dass der Brennstofflieferant anders als im Vertrag vorgesehen die Brennstoffzusammensetzung gestaltet hat.

Leuthard: Verstehe ich das jetzt richtig: Mittlerweile muss jeder T-Shirt-Hersteller in der Schweiz nachweisen, dass seine Materialen und die Herstellung ökologisch und sozial verträglich ist, dass keine Kinderarbeit dabei ist, und Sie als Kernkraftwerkbetreiber und -besitzer wissen nicht, oder haben bisher nicht gewusst, wo dieses hochgefährliche Uran 235 herkommt, das in diesen Brennstäben drin ist.

Thumann: Also, ich teile die Auffassung, dass man das eigentlich wissen sollte. Aber Tatsache ist, heute haben Sie normalerweise einen Lieferanten, bei dem kaufen Sie etwas, wie auch Brennstäbe. Sie schauen, ob dieser Lieferant auch nach internationalen Regeln zertifiziert ist, und das ist es erst mal. Dass Sie jetzt hinter dem Lieferanten, wie er dann selber sein Geschäft gestaltet, auch den Durchgriff haben, das ist in den früheren Verträgen nicht vorgesehen gewesen, also diese ganzen Herkunftsnachweise. Aber das ist etwas, was wir uns vor ein paar Jahren auf die Fahnen geschrieben haben, weil wir den Eindruck haben, man sollte schon Gesamtverantwortung übernehmen für das, was man mit dem Endgeschäft eigentlich auslöst.

Leuthard: Was machen Sie jetzt? Weiterhin aus Majak beziehen oder was machen Sie jetzt konkret?

Thumann: Das ist jetzt eine gute Frage, weil das eine ist, der Brennstoffliefervertrag, den wir dort haben, der ist praktisch erfüllt. Wir werden aber jetzt … Die erste Massnahme aber ist, dass wir erst mal die Verträge präzisieren, damit solche Missinterpretationen nicht mehr möglich sind. Das Zweite ist, dass wir vertraglich verankern in allen Lieferantenverträgen, dass dieser Herkunftsnachweis erbracht werden muss, und dass wir diese Angaben schriftlich bestätigt brauchen. Und das Dritte wird sein, genau zu prüfen, anhand dieser Angaben: Ist die Lieferkette für uns akzeptabel oder nicht.

Leuthard: Sie werben seit vielen Jahren damit, dass Atomstrom sauberer Strom ist. Wenn man das gesehen hat, kann man das als neutraler Zuschauer so nicht mehr unterstützen als neutraler Zuschauer.

Thumann: Also Atomstrom ist erst mal weitgehend CO2-frei. Das heisst noch nicht, dass er rundum sauber sein muss. Aber wir leiten aus dem gerade ab, ein CO2-freier Strom, da hat man auch die Verantwortung, dass auch hinsichtlich der Radioaktivität grösste Sicherheitsvorkehrungen und Massstäbe gelten müssen. Das war für uns ein Grund, das genau anzuschauen.

Leuthard: Aber in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht, den Sie schon vor zwei Jahren veröffentlicht haben, stand: «Deshalb analysieren wir die ökologischen Folgen unserer Tätigkeit und beziehen dabei alle vor- und nachgelagerten Prozesse ein wie Bau und Rückbau eines Kernkraftwerks oder die Brennstoffbeschaffung.» Das haben Sie offenbar nicht gemacht.

Thumann: Wir habens gemacht. Wir habens nur gemacht, wie es auch nach ISO-Zertifikat ausreichend ist. Wir haben vertragliche Angaben genommen und haben diese vertraglichen Angaben einfliessen lassen. Also ich sag mal: Auch den Beton, den Sie verwenden, dort haben Sie heute Angaben, wieviel CO2 im Beton ist, aber es ist nicht notwendig tätsächlich jetzt nachzuweisen, dass der Betonhersteller tatsächlich jetzt den Beton so gemacht hat.

Leuthard: Aber Beton ist doch etwas anderes als Uran 235, eines der gefährlichsten Materialien, das in der Welt vorkommt.

Thumann: Da geb ich Ihnen Recht. Drum sagen wir auch, das kanns nicht sein, wir müssen die Gesamtkette bis nach hinten hin, bis zum Uranbergbau verstehen, weil auch dort gibt es ja immer wieder Berichte von früher, dass man dort sicherlich nicht die Standards eingehalten hat, die wir heute gern im gesamten Prozess verwirklicht sehen würden.

Leuthard: Seit vielen Jahren stellen Sie sich auf den Standpunkt, dass, um die Stromlücke, die Sie prognostizieren, zu füllen, neue Kernkraftwerke gebaut werden müssen. Man weiss, dass man bis jetzt schon mit der Entsorgung der atomaren Abfälle Probleme hat. Das ist noch nicht gelöst in der Schweiz. Jetzt hat man offenbar auch bei der Beschaffung Probleme. Müsste man sich nicht langsam Alternativen überlegen?

Thumann: Der erste Schluss, den wir ja ziehen mussten, ist, dass angesichts der Klimabedrohung alle Stromproduktionsarten, die weitgehend CO2-frei sind, wichtig sind. Wir sagen jetzt erst mal: Kernenergie, die 40 Prozent, die wir heute in der Schweiz haben, die ist CO2-frei. Und wir können die erhalten, wenn wir uns auch um den Rest der Lieferkette so kümmern, dass wir nicht mit solchen Bildern in Zukunft konfrontiert werden müssen.

Leuthard: Das hoffe ich auch sehr, dass wir diese Bilder nicht mehr sehen müssen. Herzlichen Dank für den Besuch im Studio, Manfred Thumann.