Archiv der Kategorie: Energieeffizienz

Ein Zug zuwenig

Im Rechenzentrum «Deep Green» sollen die Server mit Wasser aus dem Walensee gekühlt werden. Eine gute Idee – aber leider nicht ganz zu Ende gedacht.

Ein guter Schachspieler zeichnet sich dadurch aus, dass er immer mehrere Züge im Voraus denkt. «Deep Blue», der legendäre Schachcomputer von IBM aus dem Jahr 1996, konnte das in einer bis zu diesem Zeitpunkt unerreichten Präzision. Der Superrechner war praktisch unschlagbar.

Von solchen Superlativen mögen sich die Initianten des geplanten Rechenzentrums am Walensee inspiriert gefühlt haben, als sie einen Namen suchten und dabei auf «Deep Green» kamen. 5200 Schränke mit je 40 Servern sollen nach Berichten von «Tagesanzeiger» und «Sonntagsblick» dort, wo der Walensee wieder zur Linth wird, Daten speichern. Das Rechenzentrum, das 2012 in Betrieb gehen soll, ist ein gigantischer Stromfresser: 50 Megawatt Leistung werden für den Betrieb benötigt – mehr, als der Kanton Glarus braucht. Gekühlt wird – und damit dürften die Initianten das «Green» im Firmennamen rechtfertigen – umwelttfreundlich mit Wasser aus dem Walensee. Das 6 Grad kalte Seewasser wird in ein Kühlaggregat geleitet, nimmt dort die Abwärme der Rechner auf und fliesst dann zurück in den Walensee. Folgen für Flora und Fauna soll dies nicht haben, wie die Initianten versichern.

Nun lässt sich, da sich das halbe Leben mittlerweile online abspielt, gegen riesige Rechenzentren nicht viel einwenden. Und dass sie statt mit Strom mit Wasser gekühlt werden, ist sogar zu begrüssen. Bloss der letzte, geniale Zug, der auch die kritischen Stimmen aus den Umweltverbänden schachmatt gesetzt hätte, fehlt: Die Nutzung des Kühlwassers, das von den «Deep Green»-Servern auf 23 Grad erwärmt wird. Den dieses lässt sich für verschiedenste Zwecke einsetzen. In Uitikon ZH etwa wird das Hallenbad mit der Abwärme aus dem IBM-Rechenzentrum geheizt, in Frutigen BE setzt man das warme Wasser aus dem NEAT-Basistunnel im «Tropenhaus» für den Anbau von tropischen Pflanzen und die Zucht von Stören ein.

Man sei bereit, das Kühlwasser für eine weitere Nutzung zur Verfügung zu stellen, lässt sich der CEO von «Deep Green» im «SonntagsBlick» vernehmen. Fragt sich bloss, ob der Kanton Glarus, der für die Realisierung des Projekts gleich eine «Riesenliste von Spezialbewilligungen» erteilt hat, dieses Angebot nicht auch noch in Form einer klitzekleinen, bindende Auflage in die Baubewilligung hätte einbauen können.

Topten: global effizient

Der Vorstoss in die Höhle des Löwen brauchte einen langen Atem. Drei Jahre Verhandlungen waren nötig, aber am 26. Oktober 2010, um Punkt 10 Uhr Ortszeit, war es geschafft: Topten, der Internet-Vergleichsdienst für energieeffiziente Elektrogeräte, Lampen, Haustechnik und Autos konnte eine weitere «Filiale» im Internet online schalten. Nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in dem Land, das gemeinhin als der Ursprung aller Stromschleudern, sinnlosen Elektrogadgets und Apparaten mit eingebauten Sollbruchstellen gilt: in China. Gleichentags schaltete Topten USA («Better climate. Lower bills. The most efficient products you can buy.») vom Versuchsbetrieb auf «operativ».

Die Erfolgsgeschichte des Vergleichsdienstes für effizientere Geräte begann Ende der 90er-Jahre in Zürich. «Wir wussten, welche Geräte wenig Energie verbrauchen», sagt Conrad U. Brunner, Energieplaner und zusammen seinem Berufskollegen Eric Bush geistiger Vater von Topten: «Aber wir mussten immer wieder feststellen, dass in unserem Bekanntenkreis niemand eine Ahnung hatte.» Die Idee einer Online-Entscheidungshilfe war geboren, und mit der Umsetzung fackelten Brunner und Bush nicht lange. Am 13. September 2000 ging topten.ch online – und provozierte Widerstand: Apparatehersteller kritisierten angeblich nicht marktgerechte Auswahlkriterien und drohten mit Prozessen. Es blieb bei der Drohung. In zehn Jahren habe man zwar «den einen oder anderen Fehler gemacht und korrigieren müssen», räumt Brunner freimütig ein: «Aber einen Prozess hat uns nie jemand angehängt.»

Im Gegenteil: Die Macher von Topten trafen offensichtlich einen Nerv. Heute zählen sie in der Schweiz Grossverteiler wie die Migros und Coop zu ihren Partnern, und Elektrizitätsversorger wie etwa EnergieWasserBern oder das EKZ unterstützen den Kauf von Produkten mit dem Topten-Label mit Rabatten.

Das 10-Jahres-Jubiläum habe man nicht gefeiert, sagt Brunner: «Wir haben gearbeitet.» Zu tun gab es genug: Das Engagement der Topten-Macher beschränkt sich schon seit einiger Zeit nicht mehr auf die Schweiz. Der Vergleichsdienst bietet seine Dienste mittlerweile in 15 EU-Ländern an (und wird dafür von der EU mit einem namhaften Beitrag unterstützt).
Und nun also auch in China und in den USA. Damit kann sich Unternehmen, das in einem Zürcher Büro ganz klein begann, auf einen Schlag rühmen, insgesamt 18 Länder abzudecken, die für rund 40 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Das soll aber nicht das Ende des Feldzugs für energieeffiziente Geräte sein, wie Brunner betont: «In zwei Jahren wollen wir mit der Website für Indien online gehen.»

Leuenbergers Abschiedsgeschenk

Der Bundesrat will die freiwilligen Vereinbarungen in der Energiepolitik abschaffen. Fragt sich bloss, ob er das wirklich tut.

Was tun, wenn einem zu einem besonderen Anlass partout kein passendes Präsent einfallen will und der zu Beschenkende schon alles hat? Man schenkt einen «Gutschein für ein spezielles Erlebnis» – und zählt darauf, dass der Empfänger die Sache früher oder später vergisst.

Was Moritz Leuenberger an einer seiner letzten Sitzungen als Bundesrat von seinen Kolleginnen und Kollegen als Abschiedsgeschenk erhalten hat, erinnert verdächtig an einen solchen Gutschein: Der Bundesrat möchte die freiwilligen Vereinbarungen in der Energiepolitik abschaffen.

Wollte das – bisherige – Departement Leuenberger gegen Strom- oder Spritfresser vorgehen, so war bisher zwingend der Umweg über eine freiwillige Vereinbarung nötig. Die betroffene Branche durfte erst einmal während mehreren Jahren den Beweis antreten, dass sie aus eigener Kraft und ohne staatliche Intervention fähig ist, ihren Energieverbrauch oder CO2-Ausstoss zu senken. Das klappte in einigen Fällen ganz ordentlich. Die Zementindustrie etwa brachte tatsächlich eine namhafte Reduktion zustande. In anderen Fällen waren die jeweiligen Erfolgskontrollen aber nichts anderes als ein jährlich wiederkehrendes Eingeständnis des Versagens und der Machtlosigkeit der Politik.

Dabei zeichneten sich vor allem die Autoimporteure durch eine geradezu beharrliche
Erfolgslosigkeit aus: Das Ziel, den Benzinerbrauch der verkauften Neuwagen bis 2008 auf 6,4 Liter pro 100 Kilometer zu senken, entpuppte sich schon kurz nach Abschluss der Vereinbarung als Illusion. Der TCS feiern es schon als Erfolg, dass die Neuwagen in der Schweiz mittlerweile weniger als sieben Liter brauchen.

Nun also will der Bundesrat schneller eingreifen und Energiesparziele direkt und ohne Umweg über freiwillige Vereinbarungen vorschreiben können. Das ist ein veritabler Paradigmenwechsel – wenn er denn zustandekommt. Vorläufig ist nämlich auch das bundesrätliche Abschiedsgeschenk an Moritz Leuenberger nicht viel mehr wert als ein Gutschein, den der Schenkende nicht wirklich einlösen will. Zuerst dürfen sich nämlich noch die betroffenen Interessenvertreter und Verbände zum Vorschlag des Bundesrates äussern. Dass Wirtschaft und Industrie daran keine Freude haben werden, ist so sicher wie der Stau am Gotthard zu Ferienbeginn. Gut möglich, dass Moritz Leuenberger an ein paar Flaschen Wein als Abschiedsgeschenk längerfristig mehr Freude gehabt hätte.