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Jahrestag

Fukushima

Fukushima, 11.3.2011

Bern und die DDR-Tests

Neue Dokumente belegen, dass die Bundesbehörden über die Schweizer Medikamententests in der DDR bestens im Bild waren. Was sie nicht wussten: Auch die Stasi hatte ihre Finger im Spiel.

Am 17. Oktober 1985 landete eine Karte im Postfach von Jean-Pierre Bertschinger beim Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG). «Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie den Morgen des 4. November für den Besuch der zwei Gäste aus der DDR opfern», schrieb darauf Alfred Herzog, der damalige Geschäftsführer des Branchenverbands Interpharma.

Heute liegt die unscheinbare Notiz an den Chef der Sektion Pharmazie des BAG im Bundesarchiv in Bern, angeheftet an drei gelbe A4-Seiten mit dem sperrigen 
Titel «Besuchsprogramm für den Aufenthalt von Prof. Dr. U. Schneidewind und 
Dr. J. Petzold». Es war ein wichtiger Besuch für die Basler Pharmaindustrie. Ulrich Schneidewind war stellvertretender Mi­nister für Gesundheitswesen der DDR, Oberpharmazierat Joachim Petzold leitete das «Beratungsbüro für Arzneimittel (Import)», kurz BBA. Sie kamen, um für ein Angebot zu werben, mit dem sich der finanziell marode Arbeiter- und Bauernstaat dringend benötigte Devisen beschaffte: klinische Me­dikamentenversuche an ostdeutschen Patienten.

Für die DDR waren die Tests eine wichtige Einnahmequelle, für die Schweizer Pharmafirmen eine willkommene Gelegenheit, günstig Medikamente ausprobieren zu lassen (siehe auch «Medikamentenversuche: Wie Schweizer Pharmafirmen DDR-Patienten ausnutzten» aus Beobachter 13/2013). Bis zum Ende der DDR 1990 wurden dort mehr als 30 Medikamente aus der Schweiz getestet – in zahlreichen Fällen vermutlich ohne die Zustimmung der Patienten. Akten aus dem deutschen Bundesarchiv in Berlin belegen, dass es dabei zu mehreren Todesfällen kam. So überlebten vier von 30 Testpatienten die Versuche mit dem Sandoz-Blutdrucksenker Spirapril nicht. Weitere Todesfälle gab es im Zusammenhang mit Antidepressiva.

Besuche zur «Kontaktpflege» seien durchaus üblich gewesen, sagt Joachim Petzold heute: «Wir waren immer von den Unternehmen eingeladen.» Im November 1985 war der Gastgeber der Schweizer Branchenverband Interpharma, und der liess seine Verbindungen spielen. Weiterlesen…

EXKLUSIV: Das Besuchsprogramm

Dieser Artikel ist im BEOBACHTER 4/2014 vom 21. Februar 2014 erschienen.

 

OP am offenen Portemonnaie

Im privaten Herz-Neuro-Zentrum Bodensee in Kreuzlingen TG sollen gravierende Missstände herrschen. Der Kanton weiss seit Jahren von den Vorwürfen – und unternahm lange Zeit nichts.

Der Abschied des Chefs wurde mit einer Sondervorstellung im Zirkus Conelli gefeiert. Dierk Maass, Gründer und leitender Arzt des Herz-Neuro-Zentrums Bodensee in Kreuzlingen und des Herz-Zentrums Bodensee im benachbarten Konstanz, wollte sich auf den 65. Geburtstag hin aus seinen Firmen zurückziehen und mit Personal und geladenen Gästen angemessen feiern. Man freute sich am Zirkusspektakel, tafelte und lauschte den Lobesreden auf den Gefeierten.

Sechs Jahre später ist Dierk Maass weiterhin im Amt, doch zu feiern hat er nichts mehr. Viele der Gäste seiner vermeintlichen Abschiedsfeier haben die Kliniken im Streit verlassen. Und statt Artisten stehen plötzlich Maass und die beiden anderen Geschäftsleitungsmitglieder der Kliniken im Scheinwerferlicht, CEO Martin Costa und seine Ehefrau und Vizedirektorin Antoinette Airoldi. Sie sehen sich mit einer langen Liste von Vorwürfen konfrontiert.

Einer der gravierendsten betrifft seltsame Vorgänge nach dem Tod des Tamilen Sellathuray S. Laut offiziellen Papieren verschied der in Frauenfeld wohnhafte Flüchtling am 3. Mai 2004 in Kreuzlingen. Unterlagen aus der Klinik weisen jedoch darauf hin, dass der Mann in Tat und Wahrheit in Konstanz starb – und damit für einen in der Schweiz ansässigen Asyl­bewerber auf der falschen Seite der Grenze. Damals am Herz-Zentrum Bodensee Angestellte erzählen nun, wie der Leichnam, an Geräte angeschlossen, per Ambulanzfahrzeug der Firma Rescuemed – sie gehört Klinik-CEO Martin Costa – nach Kreuzlingen transportiert worden sei. Erst dort füllte ein Arzt den Totenschein aus.

Im besagten Fall ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Kreuzlingen. Das entsprechende Dossier ist allerdings aus dem Klinikarchiv verschwunden. In einem Informationsschreiben an die Belegschaft erklärte Klinikdirektor Martin Costa Mitte November, dass die damaligen Vorgänge «nach fast zehn Jahren bedauerlicherweise nicht mehr restlos nachvollziehbar» seien. Hätte sich die Sache wie geschildert abgespielt, so wäre das «formal sicher unkorrekt und ein Fehler gewesen».

«Unkorrekt» waren möglicherweise weitere Dinge um die beiden Privatspitäler, die beide zur CHC Holding AG von Dierk Maass gehören. Weiterlesen…

 

Dieser Text ist im BEOBACHTER 26/2013 vom 24. Dezember 2013 erschienen.