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Wie Schweizer Pharmafirmen DDR-Patienten ausnützen

Die Pillentests der Schweizer Pharma im Unrechtsstaat DDR waren umfangreicher als bekannt. Patienten wussten von nichts, Todesfälle wurden verschwiegen.

Es hatte einiges an Überzeugungs­arbeit gekostet, bis sich der Buch­antiquar ausgerechnet die drei Bände mit den Reden des Staats- und Parteichefs in Schweizer Franken hatte zahlen lassen. Aber schliesslich hatte er eingewilligt. Und so sass Günter Wichert* nun im Ostberliner Hotelzimmer und las seiner Frau Margrit* eine Rede von Erich Honecker vor. Die beiden amüsierten sich über dessen verschwurbelte Formulierungen.

Günter Wichert war Ciba-Geigys Stu­dienkoordinator in der DDR für Tests mit den nie zugelassenen Antidepressiva Brofaromin und Levoprotilin. Seine Reisen ins sozialistische Deutschland schildert er heute als Räubergeschichten, doch es ging ums Geschäft. Die DDR stand vor dem Bankrott, und das Regime war zu allem bereit, was Devisen einbrachte. So verkauften die DDR-Oberen sogar ihre eigenen Bürger an die westliche Pharmaindustrie.

Für etliche Patienten endeten diese Arzneimittelversuche tragisch. In Lostau etwa war der Belastungstest für Patient Nummer 29 zu viel. Der 67-jährige Herzkranke brach beim Test mit dem Ergometer zusammen und wurde eilends aus dem Zimmer gebracht. In den Akten zum Zwischenfall steht: «verstorben am 20. 11. 1989 (akutes Herzversagen nach Rechtsherz­katheter-Untersuchung)».

Patient Nummer 30, Zimmerkollege Hubert Bruchmüller, nahm am gleichen Medikamentenversuch teil. Erst Jahrzehnte später erfuhr er, dass sein Zimmergenosse den Zwischenfall nicht überlebt hatte. Bruchmüller erinnert sich: «Als ich mich damals erkundigte, sagte man mir nur, dem Mann gehe es nicht besonders gut.»

Patient Nummer 29 war nicht der einzige Herzkranke, der im Herbst 1989 bei diesem Versuch zu Tode kam: Vier von 30 Testpatienten überlebten das Experiment mit dem noch nicht zugelassenen Medikament nicht. Patient «H. H.» starb ebenfalls im Zuge einer Herzkatheteruntersuchung. Und «E. H.», im Test die «Nr 26», erlag einem «akuten Linksherz-Versagen». Fast zur selben Zeit starb im 190 Kilometer entfernten Erfurt ein weiterer Patient. «K. S.», erst 57-jährig, erlitt einen plötzlichen Herztod.

Was die Patienten nicht wussten: Sie ­alle hatten an einer klinischen Studie für Spirapril, einen Blutdrucksenker, teilgenommen. Der Auftraggeber kam aus der Schweiz: Sandoz, heute Novartis. Weiterlesen…

Dieser Artikel ist im BEOBACHTER 13/2013 vom 28. Juni 2013 erschienen.

Champagner hoch 2

Das AKW Mühleberg erhält eine unbefristete Betriebsbewilligung. Das Urteil aus Lausanne dürfte neben der BKW vor allem auch das Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI freuen.

So optimistisch hatten die Gegnerinnen und Gegner des AKWs Mühleberg noch kaum einmal einem Gerichtsurteil entgegengeblickt. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht im März 2012 die Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg bis zum 28. Juni 2013 befristet hatte, schien eine Abschaltung des 40-jährigen Meilers vor den Toren von Bern in greifbarer Nähe.

Das Bundesgericht als oberste Instanz hat anders geurteilt: Das AKW Mühleberg erhält nach über 40 Jahren zum ersten Mal eine unbefristete Betriebsbewilligung. Und während in der BKW-Chefetage vermutlich die Korken knallen, fragt sich der Rest der Schweiz (naja, ein Teil davon): Was um Gotteswillen haben die Richter in Lausanne da entschieden? Champagner hoch 2 weiterlesen

Mühleberg: AKW im Zeitraffer

Die Geschichte des AKWs Mühleberg muss nicht neu geschrieben werden. Aber für alle, die ob all den Pannen, erzwungenen Nachrüstungen und Gerichtsurteilen den Überblick verloren haben, gibt es jetzt die Mühleberg-Chronik.

Am 7. März 1971 wurde der Reaktor im AKW Mühleberg zum ersten Mal in den Betriebszustand hochgefahren. Er war somit im Fachjargon gesprochen «kritisch». Der Ausdruck entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn kritisch ist bis heute fast alles rund um das zweitälteste AKW der Schweiz. Die Geschichte des «Kernkraftwerks Mühleberg» oder «KKM», wie der Meiler offiziell heisst, ist auch eine Geschichte von unerklärlichen Pannen, jahrzehntelangen Versäumnissen und zahlreichen Schnellabschaltungen. Hinzu kommen Volksabstimmungen, die mal für, mal gegen die Abschaltung des Werks ausfielen, behördliche Verfügungen, mit denen die schlimmsten Mängel behoben werden sollten, sowie eine ganze Anzahl Gerichtsverfahren.

In dieser über 40-jährigen Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen den Überblick zu behalten ist schwierig. Die neu geschaffene «Mühleberg-Chronik» auf www.angelisansichten.ch, zusammengetragen aus einer Vielzahl von Quellen, soll etwas Ordnung in das Chaos bringen. Die Zusammenstellung ist mit Sicherheit nicht vollständig, und der eine oder andere Fehler kann nicht ausgeschlossen werden. Die «Mühleberg-Chronik» ist deshalb auch kein abgeschlossenes Projekt, sondern «work in progress».

Haben Sie Ergänzungen oder Präzisierungen? Sind Ihnen Fehler aufgefallen? Verfügen Sie über Dokumente über das AKW Mühleberg, welche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten? Sind Sie im Besitz von historischen Fotos? Dann melden Sie sich unter kontakt@angelisansichten.ch oder – falls Sie heikle Dokumente schicken wollen – über die Privacy Box von angelisansichten.ch. Kontaktdaten sind für Rückfragen hilfreich, aber nicht zwingend.

Mit der Aufschaltung der «Mühleberg-Chronik» geht auch eine sanfte Renovation von angelisansichten.ch einher. Die bisherigen Seiten «Atom», «Energie» und «Umwelt» verschwinden, die Seite «Angeli» heisst nun «Über diesen Blog». Alle bisherigen Beiträge auf angelisansichten.ch finden Sie weiterhin und zuverlässig mit der Suchfunktion.