Davos wäscht grüner

Es sei an dieser Stelle zur Abwechslung einmal von sprachlichen Finessen die Rede, genauer: vom Komparativ. Der Ausdruck stammt vom lateinischen Verb «comparare» (vergleichen) und bedeutet nichts anderes als die erste Steigerungsform eines Adjektivs. Aus «grün» wird folglich im Komparativ «grüner» – eine Regel übrigens, die in der englischen Sprache praktisch gleich funktioniert.

Wie kreativ man mit einem simplen Komparativ umgehen kann, demonstriert uns in diesen Tagen das World Economic Forum (WEF) in Davos. Um zu zeigen, wie sehr sich die «World Leaders» nach dem von ihnen zum Scheitern gebrachten Klimagipfel von Kopenhagen um den Zustand des Planeten kümmern, dürfen während der Dauer des WEF nur Fahrzeuge in Davos verkehren, die maximal 230 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen, höchstens neun Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen oder mindestens die Energieeffizienzklasse D aufweisen. Die entsprechenden Karrossen erhalten einen Kleber an die Windschutzscheibe: «Greener Davos», grüneres Davos, steht darauf. Diese Fahrzeuge würden «umweltfreundliche Bedingungen erfüllen», schreibt die WEF-nahe «Davos Climate Alliance» auf ihrer Website.

Hallo, Davos? 230 Gramm CO2 pro Kilometer? Energieeffizienzklasse D? Auf welchem Planeten lebt die «globale Elite» eigentlich? Bedeutet das etwa, dass in früheren Jahren noch schlimmere Dreckschleudern zum Einsatz kamen? Oder will man bloss die Autosponsor Audi und VW – sie stellen dem WEF rund 270 Fahrzeuge zur Verfügung – nicht verärgern? Schliesslich gibt es Autobauer, die in Sachen umweltfreundlichere (Achtung: Komparativ!) Hybridfahrzeuge den deutschen Limousinenschmieden einiges voraus haben.

Dass der Ausdruck «grün» (oder, um in der Konferenzsprache zu bleiben, «green») mit diesem Konzept von «Umweltfreundlichkeit» etwas gar arg strapaziert würde, leuchtete offensichtlich auch den WEF-Organisatoren ein: «Greener Davos» klingt doch deutlich weniger verpflichtend als «Green Davos», aber immer noch irgendwie nach Umweltschutz.

Womit nicht bloss eine neue Spielart des «Greenwashing», also des Schönfärbens von Umweltsünden, sondern auch eine Nuance des grammatikalischen Komparativs ausgeleuchtet wäre: «Grüner» bedeutet nicht zwingend «mehr grün», sondern unter Umständen auch einfach «weniger wenig grün».


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