Erdölvereinigung: Dinosaurier mit Solarmäntelchen

Gewisse Ideen brauchen ihre Zeit, um ins Bewusstsein zu dringen. Manche, weil sie nicht spektakulär genug sind, um Aufmerksamkeit zu erringen, andere, weil sie zu verquer sind, um ernst genommen zu werden. Die Idee, von der hier die Rede ist, erfüllt gleich beide Kriterien: Sie ist derart spektakulär verquer, dass der Energie- und Umweltblog fast vier Monate gebraucht hat, um darauf aufmerksam zu werden. Oder wären Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, auf die Idee gekommen, dass die Erdöllobby Sonnenkollektoren fördern könnte? Eben.

Nicht, dass an dieser Stelle gegen die Förderung von thermischen Solaranlagen zur Warmwasseraufbereitung gewettert werden soll, im Gegenteil: Hausbesitzer, die ökologischer duschen wollen und einen Installateur finden, der ihnen die dazu notwendigen Kollektoren aufs Hausdach montiert, seien explizit dazu ermuntert. Sie könnten sich bei dieser Gelegenheit – das nötige Kleingeld vorausgesetzt – auch fragen, ob sie nicht gleich auch noch das Haus isolieren und/oder die Heizung erneuern wollen, schliesslich gibt es für solche Vorhaben Geld von der öffentlichen Hand.

Die Heizung erneuern? Da wittert die Erdölvereinigung, der Branchenverband der Ölkonzerne, aber Gefahr. Schliesslich könnten Hausbesitzer auf die Idee kommen, den veralteten Ölbrenner durch eine Wärmepumpe oder eine Holzheizung zu ersetzen. Was tun also, damit der Dinosaurier unter den fossilen Brennstoffen ob all den Energiequellen der Zukunft nicht vollständig in Vergessenheit gerät? Die Lösung heisst «Solarinitiative».

Die ersten 1000 Hausbesitzer, die bei der Erdölvereinigung melden, dass sie eine thermische Solaranlage auf ihr Dach montieren, bekommen 1000 Franken geschenkt. Der kleine Haken daran ist, dass sie gleichzeitig ihren alten Ölbrenner ersetzen müssen – durch einen neuen Ölbrenner (der im Branchenjargon nun «Ölbrennwert-Kessel» heisst). Dies sei «eine ideale Kombination», schwärmt die Erdölvereinigung in einer Broschüre: «Mit Heizöl steht ein lagerbarer Brennstoff jederzeit für die Wärmeerzeugung und zur Unterstützung der Solaranlage zur Verfügung.»

Die Lobbyorganisation der Ölindustrie kann sich dank dieser Aktion nun ohne rot zu werden damit brüsten, etwas fürs Klima zu tun – und gleichzeitig ihre Kundschaft für mindestens zwanzig weitere Jahre an einen Brennstoff binden, der zu den grössten CO2-Emittenten gehört. Davon jedoch steht in der Hochglanzbroschüre kein Wort.

Die 1000 Franken übrigens gibt es nicht bar auf die Hand, sondern in Form von Gutscheinen für die nächste Tankfüllung. Letztlich ist einem halt doch das eigene Hemd am nächsten.


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