Geiht’s no, Herr Girod?

Lieber Bastien Girod

Jetzt hat es Sie also auch erwischt. Dabei sind wir uns von Ihnen doch schon allerhand gewohnt. Füdliblutt posieren, mit dem Velo an die Session fahren, mit knapp 30 ein Buch schreiben, das sich wie ein politisches Vermächtnis liest, sich mit allen Offroaderfahrern zwischen Genf und Rorschach anlegen… Aber jetzt das. Voll reingetrampt sind Sie da, Herr Girod. Mitten in die gute alte PR-Falle.

Wie um Himmelswillen kamen Sie auf die Idee, mit einem Tesla Roadster 2.5 von Zürich an die Session in Bern zu fahren, wie «20 Minuten» schreibt? Um angeblich umweltfreundliche Mobilität zu preisen, weil die Kiste vorher – ebenso angeblich – mit Solarstrom aufgeladen wurde? Der Tesla-Vertreter in der Schweiz, der erst vor gut drei Monaten seinen Showroom in Zürich eröffnet hat und etwas Publicity sicher gut gebrauchen kann, wird sich die Finger lecken: Ein grüner Politiker als Werbeträger, das ist so etwas wie eine personifizierte Unbedenklichkeitserklärung. Für einen Sportwagen notabene, der in 3,7 Sekunden von Null auf 100 beschleunigt und auch sonst alle Kriterien erfüllt, um Raser-Träume zu erfüllen.

Klar jagt ein solcher Flitzer im Gegensatz zu einem konventionellen Sportwagen kein CO2 in die Luft. Und klar ist es eine schöne Vision, dass dereinst Herr und Frau Schweizer mit einem Elektrofahrzeug durch die Gegend kurven (es muss ja nicht gleich ein Tesla sein) und den dafür notwendigen Strom mit der Fotovoltaikanlage auf dem Hausdach gleich selber produzieren.

Aber mit Verlaub, Herr Girod: Glauben Sie daran? Oder ist es nicht vielleicht doch wahrscheinlicher, dass Herr und Frau Schweizer ihr Elektrofahrzeug dereinst ganz einfach an eine ganz normale Steckdose hängen? Eine Steckdose, aus der ganz konventionell produzierter Strom fliesst, den die Betreiber der Atomkraftwerke über Nacht so gerne loswerden möchten?

Zugegeben: Spass muss sein, und Bubenträume – «ein Porsche mit Wasserstoffantrieb», wie Sie «20 Minuten» anvertraut haben – soll man ernst nehmen. Nun, jetzt sind Sie immerhin mal in einem richtigen Boliden von Zürich nach Bern gefahren, wenn auch nur «mit der Vorsicht eines gesetzten Familienvaters», wie das Blatt schreibt. Womit der Bubentraum hoffentlich erfüllt ist und Sie das nächste Mal wieder getrost das Velo nehmen können.

Es grüsst Sie freundlich

Thomas Angeli

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4 Gedanken zu „Geiht’s no, Herr Girod?

  1. Lieber Thomas Angeli,

    natürlich ist der Tesla nicht das Alltagsauto der Zukunft. Doch der Tesla hat die Technik für das Alltagsauto (Aufladezeit in 3 Stunden, Reichweite von 300 bis 500km und Beschleunigung wie ein Benziner) der Zukunft und verkörpert einen wichtiger Schritt in Richtung Elektromobilität!

    Noch ist die Technologie aber zu teuer für ein Alltagsfahrzeug. Das heisst aber nicht, dass die Elektrofahrzeuge grundsätzlich teurer wären. Vielmehr hat dies mit der historischen Entwicklung zu tun, welche verhindert das die Elektrotechnologie den Verbrennungsmotor ablöst (siehe dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Lock-in-Effekt). Um der Elektrotechnologie zum Durchbruch zu verhelfen muss diese Technologie, „lernen“ können. Dies bedingt höhere Stückzahlen. So konnte die Kapazität der Batterien dank den hohen Stückzahlen der Laptops etc. verbessert werden. Nicht Zufällig braucht der Tesla auch die gleichen Technologien wie Laptop-Batterien. Doch viele weitere Elemente des Elektroautos müssen noch weiter lernen und optimiert werden bis die Technologie genug weit ist um den Verbrennungsmotor endgültig ins Museum zu stellen.

    Höhere Stückzahlen können über zwei Wege erreicht werden: Staatliche Förderung und Pionierprodukte inklusive Pionierkäufer. Der Tesla schafft es Pionierkäufer zu erreichen welche sich wohl nie von einem Elektrofahrzeug mit 100 km Reichweite, tiefer Beschleunigung und alternativem Design überzeugen liessen. Gleichzeitig macht der Tesla die Elektromobilität für ein breiteres Publikum attraktiv. Er ist eine Demonstration für das Potential der Elektromobilität. Der Tesla zeigt das auch Sportwagen-Fans ohne CO2-Emissionen auf ihre Kosten kommen können. Ich habe gar keine Probleme wenn Tesla-Schweiz einige ihrer Schlitten mehr verkauft. Nein, ich wäre stolz drauf!

    Was die Herkunft des Stroms betrifft so sind ihre Bedenken berechtigt. Umso wichtiger ist es von Anfang an festzuhalten das Elektromobilität mit erneuerbarer Energie versorgt wird. Das war auch meine Bedingung für die Fahrt nach Bern. Gerade die Emotionalität des Autos könnte es erlauben die Kaufkraft für erneuerbaren Strom zu erhöhen und ihm damit auch zum Durchbruch zu helfen. Ohne schlechtes Gewissen bezüglich Klima- und Erdölproblematik, aber auch AKW-Risiken herumfahren zu dürfen fühlt sich nun mal für alle die etwas Empathie besitzen besser an.

    Übrigens: Normalerweise fahre ich per Velo-Zug-Velo an die Session. Ich fuhr aber auch schon nur mit dem Velo oder mit dem TWIKE. Die umweltfreundlichen Sessions-Fahrten die mir noch fehlen sind Solar-Flug (ob mich Piccard mal mit nimmt?) und Pferd.

    Beste Grüsse,
    Bastien Girod

    1. Lieber Bastien Girod

      Chapeau, das ging ja schneller als eine Fahrt durch den Baregg mit Ihrer Antwort! Als weitere Alternative kann ich Ihnen da eigentlich bloss noch eine Wanderung empfehlen, siehe http://tinyurl.com/28mwsnr. Schauen Sie sich doch dabei mal die sechsspurige Autobahn im Grauholz oder die Parkplätze in Spreitenbach an – irgendwie bleibt halt auch Elektromobilität individuelle Mobilität, mit all ihren Nach- (und paar Vor)teilen.

      Es grüsst Sie freundlich

      Thomas Angeli

      1. Natürlich braucht es auch Massnahmen zur Reduktion des MIV (oder zumindest Reduktion des MIV Wachstum), das schliesst aber nicht aus gleichzeitig die Autoflotte ökologisch zu transformieren.
        Beste Grüsse,
        Bastien Girod

  2. Lieber Thomas Angeli

    Ich empfehle Ihnen die aktuelle Ausgabe des Greenmobility Magazins zu studieren. Dort finden Sie gleich mehrere Portraits von Tesla Kunden, die Ihren Roadster mit eigenen Solarpanels in der Schweiz betreiben. Aber selbst wenn das eigene Solarpanel nicht fuer jeden in Frage kommt, gibt es schon eine Vielzahl von Schweizer EW’s, die Ladestationen mit natuerlich erzeugtem Strom fuer Elektrofahrzeuge anbieten und darueberhinaus ebenfalls fuer die heimische Steckdose Naturstrom-Produkte im Programm haben. In diesem Zusammenhang moechte ich auch bestaetigen, dass es Bedingung fuer Bastien Girod war, den Tesla mit Naturstrom zu laden, welcher wir natuerlich – im wahrsten Sinne des Wortes – zu 100% nachgekommen sind.

    Gerne lade ich Sie in den Tesla Store nach Zuerich ein um weitere Fragen ihrerseits zu klaeren.

    Beste Gruesse
    Jochen Rudat

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