Hier und heut

Die Axpo verzichtet auf Uran aus der umstrittenen Atomfabrik Majak. Ein Hintertürchen hat sie sich aber offengelassen.

Das Positive vorweg: Die Axpo hat dazugelernt. Etwas mehr als ein Jahr, nachdem sich Axpo-Chef Manfred Thumann auf dem Stuhl der «Rundschau» mit allerlei verbalen Verrenkungen herauszureden versuchte, hat der Badener Stromkonzern am vergangenen Samstag den Verzicht auf Uran aus der umstrittenen russischen Atomfabrik Majak bekanntgegeben. Der Grund für das Abrücken von der bisherigen Einkaufsstrategie: Den Axpo-Vertretern, die in den vergangenen Monaten mehrere Reisen nach Russland unternommen haben, blieb der Zugang zur Atomfabrik im Südural verwehrt. «Und wenn man eine Lieferkette dokumentieren will, dann geht es nicht, dass man einen Lieferort nicht besuchen kann», so Thumann an einem Mediengespräch.

Musljumovo, nahe Majak
Statt auf Uran aus Majak setzt Axpo vorerst auf Brennstoff aus Sewersk, einer weiteren russischen Atomfabrik mitten in Sibirien. Dort werden schwach- und mittelradioaktive Abfälle in einem umstrittenen Verfahren direkt in den Boden injiziert – eine Methode, von der auch Manfred Thumann unumwunden zugibt, dass sie in der Schweiz nicht in Frage käme. Gemäss der «Rundschau» sind auch in Sewersk Umweltbelastungen vorzufinden, die sich durchaus mit denjenigen in Tschernobyl vergleichen lassen.

Die Axpo-Verantwortlichen werden deshalb nicht müde zu betonen, dass «hier und heut» (Thumann) keine objektivierbaren Fakten vorlägen, die beweisen würden, dass die aktuelle Produktion in Majak und Sewersk zusätzliche, neue Belastungen für Menschen und Umwelt in der Umgebung darstellen würden. Das hätten ausführliche Gespräche mit den Verantwortlichen der beiden Atomfabriken, aber auch mit dem russischen Atomkonzern Rosatom und mit Wissenschaftlern ergeben.

Das ist schön und gut, und die Worte sind sehr sorgfältig gewählt. Denn «hier und heut» lassen sich für Aussenstehende tatsächlich kaum negative Auswirkungen feststellen. Entsprechende Resultate von Untersuchungen sind weitgehend geheim. Wenn Thumann deshalb erklärt, es gebe «keine wissenschaftlich haltbaren Belege, dass die heutigen Prozesse in Majak Grenzwerte verletzen und Umwelt und Bevölkerung gefährden», dann mag das sogar stimmen. Aber eben nur aufgrund der «hier und heut» verfügbaren Fakten.

So bleibt denn Majak für die Axpo durchaus ein Thema, denn die Betreiberin der AKWs Beznau und Leibstadt hat sich ein Hintertürchen offengelassen. Im Vertrag mit dem französischen Atomkonzern Areva, über den das Geschäft abgewickelt wird, ist neuerdings eine Option auf Brennelement mit Majak-Uran enthalten. Mit dieser zusätzlichen Klausel kann nun die Axpo Jahr für Jahr entscheiden, ob sie wiederum Majak-Uran beziehen will.

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