Interview mit Lesehilfe

Der bekannte amerikanische Journalist Seymour Hersh hat kürzlich eines seiner Geheimnisse verraten: «Check the retirements». Frei auf Deutsch: Pensionierte Mitarbeiter, besonders wenn sie hohe Posten innehatten, sind die besten Informanten.
Als einer, der Geheimnisse aus der Teppichetage ausplaudert, wird Fritz Kilchenmann zwar nie taugen. Mit zuviel Verve hat er über die Jahre als Verwaltungsratspräsident die Interessen seines Arbeitgebers, der Bernischen Kraftwerke AG (BKW) vertreten. Anlässlich seines Rücktritts nach 16 (!) Jahren gewährt Kilchenmann aber in einem Interview mit der «Berner Zeitung» für einmal Einblicke in die Denkweise des Berner Energieriesen. Richtig geniessen lassen sich die im Interview unwidersprochenen Aussagen des «grand old man» der bernischen Atomhardliner aber nur mit einer kleinen Lesehilfe. La voilà:

38 Jahre Zittern und Bangen um die Sicherheit des AKWs Mühleberg sind offensichtlich nicht genug. Zur Situation, dass neben der BKW auch die Axpo und Alpiq ein neues AKW bauen wollen, sagt Kilchenmann:

«(…) eine Mehrheit der Bevölkerung [steht] hinter unserem Ersatzprojekt.»

Eine Mehrheit der Bevölkerung? Offenbar kennt Kilchenmann bereits das Resultat der Konsultativabstimmung, die im Februar 2011 durchgeführt werden soll. Oder aber er beruft sich auf die BKW-Umfrage in den Gemeinden rund um Mühleberg aus dem Jahr 2009. Wie absurd diese ist, hat der Energie- und Umweltblog bereits berichtet.

Interessant ist auch Kilchenmanns Bemerkung zur Feststellung der Interviewer, die rotgrüne bernische Kantonsregierung stehe nicht hinter dem AKW-Projekt:

«Wir haben dafür den Grossen Rat, der dahintersteht (schmunzelt)»

Stimmt, und zwar derart stramm, dass die konsultative Volksabstimmung zur Farce zu verkommen droht. Der Brienzer FDP-Parlamentarier Peter Flück verlangt nämlich in einer Motion, dass die Kantonsregierung ungeachtet des Resultats der Volksbefragung zum Rahmenbewilligungsgesuch für das AKW Mühleberg eine positive Stellungnahme abgibt. Angesichts der überwältigenden bürgerlichen Mehrheit im Parlament zweifelt niemand am Ausgang der Abstimmung, zumal sich einer ganz besonders für ein Ja stark machen wird: BDP-Fraktionschef Dieter Widmer amtet im Berufsleben als «Leiter Öffentlichkeitsarbeit» der BKW.

Nicht nur das Volk, auch der rotgrün dominierte Regierungsrat ist für Kilchenmann eine Art quantité négliable:

«Seit ungefähr 25 Jahren ist der bernische Energiedirektor gegen Kernenergie. Trotzdem sind wir im Verwaltungsrat immer gut klargekommen.»

Einmal abgesehen davon, dass in den vergangenen 25 Jahren die meisten Energiedirektoren Direktorinnen waren: Im neunköpfigen Verwaltungsrat der BKW ist der Kanton Bern als Mehrheitseigner genau mit zwei Personen vertreten – und abgestimmt wird nicht nach Aktiengewicht, sondern nach Anzahl Personen. So kommt man selbst mit atomkritischen Energiedirektorinnen bestens zurecht.

Auch zur Laufzeit des AKWs Mühleberg äussert sich Kilchenmann selbstverständlich:

«Ob Mühleberg wirklich nach 50 Jahren, also 2022, vom Netz muss oder ob es einen gewissen Spielraum nach oben gibt, müsste man sicherlich prüfen.»

Eben erst hat der der bernische Pannenreaktor eine unbefristete Betriebsbewilligung erhalten (der Energie- und Umweltblog kommentierte). Nun setzt der abtretende Atomhardliner Kilchenmann bereits den nächsten Pflock, den «gewissen Spielraum nach oben». Was als verbales Abschiedsgeschenk an die BKW gedacht sein dürfte, ist letztlich bloss eines: Ein deutliches Zeichen, dass ein Wechsel an der Spitze des bernischen Energieriesen überfällig war.

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