Jeder Rundflug zählt

Was können wir glücklichen Menschen mittlerweile nicht alles kompensieren: Schlaflose Nächte mit einem «power nap», tage- und wochenlange Abwesenheiten von daheim mit einer halben Stunde «quality time» für die lieben Kleinen, den täglichen Schokoladestengel mit einem Fitnessabo – die Liste ist beliebig fortsetzbar und das Prinzip alles andere als neu. Die katholische Kirche praktiziert es seit Jahrhunderten mit Rosenkränzen, Ave Maria und grossem Erfolg.

Nun wissen wir spätestens seit der Klimakonferenz von Kyoto anno 1997, dass nicht bloss Sünden vor dem Herrn durch eine kleine Gegenleistung lässlich werden, sondern auch der Ausstoss von Treibhausgasen: Wer übermässig viel CO2 in die Atomsphäre absondert, kann sich mit dem Erwerb von Emissionszertifikaten auf diese Weise quasi freikaufen. Und so kann man denn klimaneutral in der Welt herumjetten, klimaneutral Ferien machen, klimaneutral Autos mieten – und neuerdings selbst klimaneutral Helikopter fliegen. So fand der Umwelt- und Klimablogger kürzlich folgendes Angebot in seiner Mailbox:

«Sehr geehrter Herr Angeli, gerne möchten wir Sie zu einem klimaneutralen Flug einladen. So könnten Sie Ihren Lesern davon berichten.»

Wer mit helikopterflug.ch beispielsweise für 60 Minuten abhebe, so stand da weiter, könne freiwillig fünf Franken für myclimate und fünf Franken für das Schweizerische Rote Kreuz spenden: «Das Besondere daran – Helikopterflug.ch verdoppelt die Spenden!»

Ist das nicht einfach zum Abheben super? Da kann man also – etwa auf einem der angebotenen «Romantikflüge», «VIP-Flüge» oder «Gourmetflüge» – durch die Gegend rotoren, dabei kräftig die Luft verpesten und sich so richtig gut fühlen. Schliesslich hat man zusätzlich zu den mindestens 1400 Franken, die das Vergnügen kostet, stolze zehn Stutz für einen guten Zweck gespendet (immer vorausgesetzt, man hat den gut versteckten Link auf der Homepage des Unternehmens gefunden). Und so können dank diesem uneigennützigen Flug zum Wohle der Menschheit in Mocambique drei Quadratzentimeter Solarzellen gekauft oder in Indien zwei Bolzen für ein Windrad angeschafft werden. Jeder Rundflug zählt, sozusagen.

Da bleibt der Energie- und Umweltblogger lieber auf dem Boden und verzichtet darauf, seinen Leserinnen und Lesern den Unterschied zwischen einem stinknormalen und einem klimaneutralen Flug in einer packenden Reportage zu erläutern. Und wartet auf die Erfindung des Solarhelikopters.


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Ein Gedanke zu „Jeder Rundflug zählt

  1. Update vom 20. April 2010: In einer von 14 000 Personen unterzeichneten Petition verlangen die Umweltorganisationen VCS, Mountain Wilderness, Pro Natura und WWF Schweiz ein Verbot des Heliskiings in der Schweiz. Siehe http://tinyurl.com/y5cn2rp

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