Stromlückenlose Verlängerung

Alles halb so wild? Ist die «Stromlücke», die uns die Stromkonzerne seit einigen Jahren einzureden versuchen, vielleicht gar nicht so schlimm? Der Verdacht keimt auf, wenn man das Communiqué der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Ständerats über ihre Beratungen zu einer «Strategie für Grosskraftwerke» liest. Die Stromproduzenten, so heisst es in der Mitteilung vom 6. Oktober, erachteten «die Frage der Stromlücke und damit der Versorgungssicherheit als weniger dringlich als bisher angenommen und also auch den Bau von Gaskombikraftwerken».

Wie war das gleich noch mal? Hat nicht Alpiq-Chef Giovanni Leonardi schon vor drei Jahren in der «SonntagsZeitung» gewarnt, die bestehenden Kraftwerke könnten «die Nachfrage in Spitzenzeiten nur knapp und bald gar nicht mehr decken»? Erklärte nicht BKW-CEO Kurt Rohrbach Mitte 2008 im «SonntagsBlick», mit Stromausfällen müssten wir «jetzt schon rechnen»? Und stiess nicht Axpo-CEO Heinz Karrer vor knapp vier Monaten in der «Handelszeitung» noch einmal ins gleich Horn, als er drohte, schon im nächsten kalten Winter könnte der staatliche französische Energiekonzern EdF unter Umständen den Atomstrom-Hahn für eine gewisse Zeit abstellen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Strombosse erachten die «Stromlücke» weiterhin als «unbestritten» (Karrers Mediensprecherin Anahid Rickmann), glauben, dass sie «weiterhin besteht» (Leonardi) und sehen «drastische Versorgungsengpässe» (Rohrbach). Das zeigt eine kurze Umfrage bei den Medienstellen.

Was auf den ersten Blick als Kehrwende erscheint, entpuppt sich demnach bei genauerem Hinsehen als argumentative Wegbereitung für etwas ganz anderes: Die AKW-Betreiber versuchen, das Terrain für eine Verlängerung der Laufzeiten ihrer Atommeiler zu ebnen. Die ständerätliche Kommission, so heisst es in deren Communiqué nämlich weiter, habe «mit Interesse» von der Einschätzung der Stromproduzenten Kenntnis genommen, «dass die ersten Kernkraftwerke nicht wie bis anhin angenommen 2020 vom Netz gehen sollen, sondern erst fünf Jahre später». Konkret: Beznau I (Inbetriebnahmen 1969), Beznau II (1971) und Mühleberg (1972) sollen noch länger als bisher kommuniziert in Betrieb bleiben – wobei bei Mühleberg der Entscheid für eine unbefristete Betriebsbewilligung über das Jahr 2012 hinaus noch nicht einmal gefällt ist.

Dass es sich durchaus lohnt, mit der Drohung einer «Stromlücke» eine Verlängerung der Laufzeiten zu erstreiten, zeigt eine Berechnung der Landesbank Baden-Würtemberg. Sie hat kürzlich gemäss der «Süddeutschen» errechnet, wie hoch die zusätzlichen Gewinne der drei AKW-Betreiber Eon, RWE und EnBW wären, könnten diese ihre 17 Nuklearmeiler zehn weitere Jahre laufen lassen. Das Resultat: 18 Milliarden Euro (rund 27 Milliarden Franken).
Wie sagte doch gleich der ehemalige deutsche Umweltminister Jürgen Trittin im Beobachter: «Alte Atomkraftwerke sind Gelddruckmaschinen.» Da wundert sich niemand mehr, wenn Schweizer AKW-Betreiber schon mal in der kleinen Kammer etwas antichambrieren.


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Ein Gedanke zu „Stromlückenlose Verlängerung

  1. Kernkraftwerke sollen so lange in Betrieb bleiben, wie sie sicher und wirtschaftlich produzieren.
    In der Schweiz werden in den nächsten 50 Jahren drei bis vier neue Kernkraftwerke benötigt, um die Abschaltung dder alten Anlagen, das Auslaufen der Strombezugsrechte und den Verbrauchszuwachs zu kompensieren.

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