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Verdammt finster

Nach und nach haben sie sich in den vergangenen Tagen wieder hervorgewagt, die Befürworter der Atomkraft. Statt der Zweifler, die plötzlich das Hohelied der sicheren und sauberen Energie verlernt zu haben schienen, das sie jahrelang zum Besten gegeben hatten, trauen sich plötzlich die Vorsänger wieder ans Licht. Und sie tun das, was man tut, wenn man durch einen finsteren Wald gehen muss und die bösen Geister fürchtet: Sie pfeifen ganz besonders laut, um diese zu vertreiben.

Sicherheitshalber pfeifen sie gleich mehrere Lieder auf einmal, und das mehrstimmig. Eines davon ist das «Erst-müssen-wir-wissen-was-passiert-ist»-Lied. Erst wenn die Ursachen für die Reaktorkatastrophe in Fukushima klar und analysiert sei, so der Refrain, könne man sagen, welche Massnahmen sich nun für die bestehenden Schweizer Atommeiler aufdrängten.

Die älteren Semester werden sich an die zweite Melodie erinnern können. Sie wird seit 25 Jahren jedesmal reflexartig angestimmt, wenn jemand das Wort «Tschernobyl» in den Mund nimmt. «Hier doch nicht, hier doch nicht», tönt es dann (eine Art Rap, der nur sehr schwer fehlerfrei zu pfeifen ist), und den Text zur Melodie hätten wir nach 25 Jahren beinahe geglaubt: Dass in einer hochtechnologisierten Welt alles viel besser und sicherer ist als in der rückständigen Barbarei eines mittlerweile untergegangenen Reiches irgendwo weit in Osteuropa.

Die beiden Melodien sind in den vergangenen zwei Wochen da und dort angestimmt worden. Der dritte Song jedoch erklingt erst seit ein paar Tagen wieder. Eigentlich ist es ein Medley, das da gepfiffen wird: «Stromlücke» heisst eine der Melodien davon (ein Evergreen), «Es-geht-nicht-ohne-Kernkraft» eine weitere. Abgerundet wird das launige Stück mit «Erneuerbare reichen nicht, mein Darling» und «Wer soll das bezahlen?».

Und während die Pfeiferei der Atomlobbyisten fast die Nachrichten über kontaminiertes Trinkwasser, Sperrzonen, Plutonium und Kernschmelzen übertönen, denken wir: Es muss ein verdammt finsterer Wald sein, dass die so laut pfeifen.

Majak-Direktor: «Kommen Sie, wir zeigen Ihnen alles.»

Umweltprobleme? Gewässerverschmutzung? Radioaktive Abfälle? Alles kein Problem, sagt Sergej Baranow. Der Direktor des umstrittenen russischen Atomkomplexes Majak über Transparenz, Altlasten und Sommervergnügen.

Mindestens vier Schweizer AKWs haben in den vergangenen Jahren Brennelemente mit Uran aus dem russischen Majak eingesetzt. Beim fünftem, dem AKW Mühleberg, schliesst man zumindest nicht aus, vor einigen Jahren einmal Brennelemente mit Uran aus Majak erhalten zu haben. Der «Einheitsbetrieb Produktionsgenossenschaft Majak», eine Anlage mit 14 000 Angestellten, welche sowohl für zivilie als auch für militärische Zwecke produziert, steht jedoch in der Kritik. Zwischen 1949 und 1967 kam es zu drei grossen Zwischenfällen, durch welche die betroffenen Gebiete noch heute stark verseucht sind, wie eine Reportage im «Beobachter» zeigt. Umweltorganisation und Anwohner kritisieren zudem, dass aus Majak noch heute radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen. An einer Veranstaltung in Chelyabinsk (Russland) nahm Majak-Direktor Sergej Baranow nun erstmals gegenüber Schweizer Medienvertretern Stellung.

Sergej Baranow: «Wir befinden uns innerhalb der Grenzwerte, im grünen Bereich. Das ist das Wichtigste.» Fotos: © 2010 Tomas Wüthrich, www.bildhoch2.ch

Herr Baranow, in der Schweiz ist Ihre Atomfabrik Majak zurzeit ein Thema. Sie können uns sicher sagen, ob in Schweizer Brennelementen Uran drin ist, das aus Majak stammt.
Diese Frage sollten Sie an TVEL richten, den Hersteller der Brennelemente. TVEL führt alle Verhandlungen mit ausländischen Kunden.

Liefert denn Majak in irgendeiner Form Uran an TVEL?

Ja, wir extrahieren aus alten Brennstäben Uran und liefern dieses an TVEL.

Gibt es in Majak Inspektionen der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA?

2009 gab es eine Inspektion. Die IAEA hatte keine Beanstandungen.

Betraf diese Inspektion den ganzen zivilen Bereich von Majak?

Die ganze Produktion ist sehr schwer zu beurteilen. Wir haben aber der IAEA alles gezeigt, was sie sehen wollten.

Und die IAEA-Standards werden eingehalten?

Ich sage es noch einmal: Es gab keine offenen Fragen von Seiten der IAEA.

Gilt das auch für die Wiederaufbereitungsanlage?

Vor allem für diese.

Sie haben kürzlich erklärt, es gebe keine Auswirkungen der Atomanlage Majak auf die Umwelt. Haben wir Sie da richtig verstanden?

Wie jedes Industrieunternehmen, das mit chemischen Stoffen zu tun hat, haben wir einen gewissen Einfluss auf die Umwelt. Wir bezahlen für diese negativen Einflüsse eine Entschädigung, wie das weltweit Praxis ist. In der letzten Zeit haben wir aber keine Grenzwerte mehr überschritten.

Was meinen Sie mit negativen Einflüsse auf die Umwelt?

Es gibt bestimmte Grenzwerte, und wir befinden uns innerhalb dieser Grenzwerte, im grünen Bereich. Das ist das Wichtigste.

Welche Bereiche betreffen diese negativen Auswirkungen? Die Luft, das Wasser, den Boden oder alles zusammen?

Alles zusammen. Es wird integriert geschätzt.

Gibt es dazu Zahlen, Belege oder Messungen, die offengelegt werden?

Das machen wir natürlich, wir informieren offen und verstecken nichts. Alle Zahlen, die wir angeben, werden von Aufsichtsbehörden kontrolliert. Zudem werden wir von den Naturschutzbehörden kontrolliert. Es wird auch überprüft, ob wir die Technologien richtig anwenden. Wir haben dazu einen Umweltbericht veröffentlicht.

Wenn alles in Ordnung ist, wäre es denn möglich, den zivilen Teil der Anlage Majak einmal zu besuchen?

Das ist nicht verboten, man muss das nur bei der staatlichen Behörde Rosatom beantragen. Wenn das bewilligt wird, dann sind Sie herzlich willkommen. Wir werden oft von ausländischen Delegationen besucht, und es kommen auch Journalisten. Wir werden auch von Inspektoren kontrolliert, zum Beispiel von der amerikanischen Seite.

Im Bericht der russischen Atomaufsichtsbehörde steht, dass in Majak verschiedene gesetzliche Standards nicht eingehalten werden.

Aus welchem Jahr ist dieser Bericht?

2009 oder 2008. Was könnte in Sachen Umweltschutz in Majak verbessert werden?

Wir wollen in Zukunft das Aufbewahren von flüssigen radioaktiven Abfällen vermeiden. Es wäre am besten, wenn alle Abfälle der Produktion sofort einbetoniert oder auf eine andere Weise gehärtet würden. Das ist das wichtigste Ziel.

Wo liegen die Probleme genau?

Wir lassen keine Abfälle mehr in die Teiche fliessen, sondern haben spezielle Reservoirs. Diese gehören zur Nutzungskette und damit zur Technologie des Unternehmens. Es gibt keine Einleitungen in das offene Wassersystem des Flusses Tetscha.

Seit wann ist das so?

Das war schon immer so. Die gefährlichen Einleitungen erfolgten vor 1957.

Würden Sie persönlich in der Tetscha baden?

Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Jetzt ist es ziemlich kalt.

Und im Sommer?

Kommen Sie im nächsten Sommer, dann gehen wir vielleicht zusammen baden.

Verstehe ich richtig, dass überhaupt keine Abfälle in die Tetscha, in das Teichsystem oder in den Karatschaisee eingeleitet werden?

Wir haben es nur mit radioaktiven Abfällen zu tun, die sich früher angesammelt haben.

Es werden also auch keine leicht radioaktiven Abfälle in die Tetscha eingeleitet?

Ich habe doch gesagt, dass Majak nichts in den Fluss abgibt.

Aber Ihr Vorgänger wurde angeklagt, von 2001 bis 2004 radioaktive Abfälle in die Tetscha eingeleitet zu haben.

Gibt es dazu einen Gerichtsentscheid?

Er wurde amnestiert. Aber es gab eine Anklage.

Aber es wurde vom Gericht nicht bewiesen.

Sie sagen also, dass von 2001 bis 2004 nichts in die Tetscha, ins Teichsystem von Majak, in den Karatschaisee oder in irgendwelche andere Gewässern gelangt ist.

Das ist so.

Wir haben hier eine Tabelle, die aufzeigt, wieviel leicht radioaktiver Abfall in die Tetscha gelangt. Wie kommentieren sie diese Zahlen?

Der Autor von diesem Dokument muss das erst einmal beweisen. Kennen Sie ihn?

Persönlich nicht, vielleicht kennen Sie ihn?

Wir haben unsere eigene Zeitschrift in Majak, die heisst „Fragen der atomaren Sicherheit“. Diese Zeitschrift gibt es auch auf Englisch. Wir veröffentlichen darin regelmässig Umweltberichte. Da gibt es auch ganz viel Material zur Tetscha, auch wissenschaftliche Arbeiten werden veröffentlicht, mit Schätzungen zur Verschmutzung des Flusses. Es gibt auch viele Materialien dazu, wie die Leute von der Strahlung beeinflusst werden. Ich schlage vor, dass Sie diese Zeitschrift lesen. Seit dem 19. November 2010 gilt zudem eine neue Norm, nachdem die leichtaktiven Abfälle gar nicht mehr als Abfälle gelten.

Diese Abfälle können also direkt in die Tetscha eingeleitet werden?

Wir dürften das, aber wir können nicht, weil wir keine direkten Leitungen haben.

Wir haben hier einen Bericht der russischen Atomaufsichtsbehörde, in dem steht, dass gewisse Becken mit flüssigen radioaktiven Abfällen ohne Rechtsgrundlage betrieben werden.

Das regeln wir bis Ende Jahr, dann bekommen wir auch eine Lizenz dafür. Bis heute ist die Gesetzgebung so, dass es nicht nötig war. Das ist nicht die Schuld von Majak.

Das heisst, die Gesetzgebung wird angepasst.

Früher gab es in der Gesetzgebung keine Möglichkeit, so etwas zu registrieren. Jetzt gibt es diese Möglichkeit, und dann tun wir das auch. Wie kann ein Industrieuntenehmen überhaupt ein Gewässer beherrschen? Können Sie einen Ozean beherrschen?
Ich wiederhole es noch einmal: Ich lade Sie ein, sich alles anzuschauen. Sie müssen das nur beantragen. Dann können Sie sich auch die Wiederaufbereitungsanlage RT-1 ansehen und die Röhre suchen, durch die angeblich radioaktive Abfälle in die Tetscha gelangen.

Aufgezeichnet von Thomas Angeli

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Atomlobby: Das grosse Schweigen

Fragen darf man immer, und dass die Betroffenen für eine «Beobachter»-Geschichte über die Atomlobby nur ungern antworten würden, war zu erwarten gewesen. Offensichtlich trafen die Fragen aber einen heiklen Punkt, denn fast alle, die in der Schweiz für neue Atomkraftwerke weibeln und lobbyieren, reagierten gleich: Erst ignorierten sie die Fragen, dann wichen sie aus, und schliesslich blockten sie ab.
Die schönsten Antworten, mit denen die Recherchen behindert wurden, sollen den Leserinnen und Lesern des Energie- und Umweltblogs nicht vorenthalten werden:

«Das Nuklearforum Schweiz publiziert einen Jahresbericht, den Sie offensichtlich bereits kennen, und veröffentlicht darüber hinaus keine Informationen zu Vereinsinterna. Wir bitten Sie um Verständnis.»

(Roland Bilang, Mitglied der Geschäftsleitung der PR-Agentur Burson-Marsteller und Geschäftsführer des Nuklearforums, auf eine Liste mit 13 Fragen zu Finanzen und Aktivitäten der Organisation.)

«Das Nuklearforum Schweiz publiziert einen Jahresbericht, den Sie offensichtlich bereits kennen, und veröffentlicht darüber hinaus keine Informationen zu Vereinsinterna. Wir bitten Sie um Verständnis.»

(Andere Frage, gleiche Antwort: Corina Eichenberger, Präsidentin des Nuklearforums und FDP-Nationalrätin, auf die Bitte um ein persönliches Gespräch.)

«Wir haben keine zusätzlichen Bemerkungen zu den Antworten, die wir auf Ihre Fragen geschickt hatten.»

(Mediensprecher Antonio Sommavilla äusserst sich zur Nachfrage, warum die BKW, die laut Statuten als Besitzerin des AKWs Mühleberg «ausserordentliche Beiträge» an dieses zu entrichten hat, immer noch behauptet, nur 4500 Franken pro Jahr zu bezahlen.)

«Ich bitte Sie (…) um Verständnis, dass wir als privater Verein Ihnen keine Unterlagen zur Verfügung stellen können.»

Stefan Burkhard, Präsident der Arbeitsgruppe Christen und Energie, versucht ein klassisches Ausweichmanöver.

«Welche anderen Gruppierungen im christlich-ethischen Bereich haben Sie für Ihren Beitrag angefragt?»

(Stefan Burkhard, Zeit schindend.)

«Es gibt verschiedene Organisationen, die im christlich-ethischen Bereich aktiv sind (…) Dass Sie nun einzig uns anfragen, finde ich deshalb je länger je mehr merkwürdig. Vor diesem Hintergrund verzichte ich auf die Möglichkeit, Stellung zu nehmen.»

(Noch einmal Stefan Burkhard, auf die Bemerkung des Autors antwortend, dass ihm keine weiteren Gruppen aus dem «christlich-ethischen Bereich» bekannt seien, welche sich mit Energiefragen befassen.)

«Da ich nicht befugt bin, Auskunft zu geben, und damit Sie nicht von Pontius zu Pilatus gehen müssen, habe ich Ihre Anfrage an Herrn von Briel [Präsident des Forums Medizin und Energie, Anm. d. Red.] weiter geleitet. Er dankt Ihnen für Ihre Anfrage, verzichtet aber auf eine Stellungnahme.»

(Daniel Frey, Geschäftsführer des Forums Medizin und Energie auf einen Fragenkatalog zur offensichtlichen Prosperität eines Vereins, dessen 200 Mitglieder bloss 30 Franken Jahresbeitrag bezahlen.)

«Herr Angeli, das weiss ich!»

(Heinz Sager, Mediensprecher der Nagra auf die Bemerkung des Autors, dass er sich von der Nagra konkretere Angaben zu deren Ausgaben für PR und Werbung erhofft hatte.)