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Reif für Botox

Es war ein interessanter Tag für die Schweizer Atombarone, dieser 21. November 2012. Einer, der mit Sicherheit für tiefere Sorgenfalten sorgte.

Die schlechten Nachrichten begannen am frühen Morgen bei der Zeitungslektüre. Da zitierte der «Bund» eine Studie, die der ehemalige Basler SP-Nationalrat und Atomkritiker Rudolf Rechsteiner im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Dabei ist der linke Energieexperte laut «Bund» zum Ergebnis gelangt, dass die Produktion einer Kilowattstunde Strom in Mühleberg über 7 Rappen kostet, deren Verkauf an der Strombörse im Durchschnitt aber nur 5,9 Rappen einbrachte. Das Fazit des «Bund»: «2012 dürfte das erste Jahr sein, in dem Strom aus Mühleberg mehr kostet, als an der Börse dafür bezahlt würde.» Die Mühleberg-Betreiberin BKW liess ausrichten, die Wirtschaftlichkeit sei «auch unter den gegenwärtigen Marktbedingungen gegeben.»

Die zweite schlechte Nachricht kam aus dem Bundesamt für Energie (BFE). Das Amt teilte die neusten Berechnungen zu den Kosten für die Stilllegung der Schweizer AKWs und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle mit. Diese belaufen sich gemäss den aufdatierten Schätzungen auf 20,654 Milliarden Franken und sind damit zehn Prozent höher als noch vor fünf Jahren angenommen. Dabei gingen die Experten auch bei den Uralt-Reaktoren von Beznau und Mühleberg von einer Betriebsdauer von 50 Jahren aus. Müssen die Meiler früher abgestellt werden, fehlen in den beiden Fonds dreistellige Millionenbeträge.

Nicht nur Stirnrunzeln, sondern einen leicht erhöhten Adrenalinspiegel dürfte die dritte schlechte Nachricht des Tages ausgelöst haben: Im AKW Beznau 2 kam es am frühen Nachmittag zu einer Schnellabschaltung . Die Ursache ist noch unbekannt. Was die Gefährdung der Bevölkerung betrifft, so wollen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, bitte auf die altbekannten Textbausteine auf den Websites der AKW-Betreiber oder des ENSI zurückgreifen.

Und da twitterte Greenpeace noch den Hinweis auf einen Report von Moody’s in die Welt hinaus. Auch dieser ist nicht eben ein Grund für Freudensprünge bei den Schweizer Atombaronen. Die bekannte Ratingagentur hat die amerikanischen AKWs unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Nur die schwächelnde Wirtschaft in den USA und die tiefen Gaspreise haben bisher verhindert, dass die immer häufigeren Betriebsunterbrüche in den älteren amerikanischen AKWs deren die Stromkonzerne in finanzielle Schwierigkeiten brachten. «Indem der nationale Nuklearpark älter wird und die Lebensdauer der einzelnen Werke 20 Jahre über die ursprüngliche Betriebsdauer ausgedehnt wird, wird die Zuverlässigkeit der Werke vermehrt ein Thema sein und teurer werden», schreibt die Ratingagentur. Und obschon die Betriebsbewilligungen ursprünglich «aus anderen Gründen als wegen der Nukleartechnologie» auf 40 Jahre beschränkt worden seien, «wurden doch einige Bestandteile möglicherweise auf eine Betriebsdauer von 40 Jahren hin gebaut und werden ersetzt werden müssen.»

Strompreise, die unter den Produktionskosten liegen, höhere Beiträge an die Stilllegungs- und Entsorgungsfonds, eine Schnellabschaltung und eine Ratingagentur, die vor noch höheren Kosten warnt – irgendwie war dieser 21. November kein guter Tag für die Schweizer Atomindustrie.

Der Geheimpapier-Bärendienst

Wer immer der «Sonntagszeitung» das Nagra-Papier zugespielt hat: Der Sache hat er damit nicht gedient.

Walter Wildi oder Marcos Buser also: Einer der beiden Geologen hat der «SonntagsZeitung» das als Dokument zugespielt, das bald schon als «Geheimpapier» die Runde machte und schliesslich zu einem zerknirschten «Sorry» von Nagra-Verwaltungsratspräsident Pankraz Freitag führte. Das macht das auf der Nagra-Website aufgeschaltete «Geständnis» des ehemaligen Nagra-Mitarbeiters deutlich.

Über den Inhalt des Dokuments spricht man aber am besten immer noch im Konjunktiv. Es könnte sein, dass die Nagra zwei Gebiete bereits als Standorte für Endlager ausgewählt hat. Es könnte aber ebenso sein, dass es sich tatsächlich nur um «Referenzszenarien» handelt, wie die Nagra erklärt. Klar ist: Wenn zur nunmehr 40 Jahre dauernden Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle plötzlich konkrete Namen auftauchen, ist der Riesenwirbel programmiert. Und genau darum ging es dem Überbringer des Papiers.

Schade. Denn wer auch immer das Dokument schliesslich an die «SonntagsZeitung» weitergereicht hat, einer Sache hat er damit mit Sicherheit nicht gedient: der Aufklärung, inwiefern das Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI und das Bundesamt für Energie (BFE) nach der Pfeife der Nagra tanzen. Die Vorwürfe, vorgetragen von Marcos Buser und Walter Wildi, sind gravierend: «Die Nagra gibt den Aufsichtsbehörden vor, wo es langgeht. Sie schreibt ihnen die Drehbücher: Konzepte wie der Sachplan oder die Erschliessung des Endlagers», erklärte Wildi Anfang August in der «WoZ»: «Öffentlich sagt die Nagra dann aber: Wir tun nur, was die Behörden verlangen. Das ist doch Heuchelei. Aufsicht und Nagra arbeiten Hand in Hand, man spricht sich ab.»

Aufgrund dieser Vorwürfe initiierte der ENSI-Rat, das Aufsichtsgremiumüber das ENSI, im Sommer eine Untersuchung. Dabei ist man offensichtlich gewillt, gründlich vorzugehen. Der Rat hat die beiden Experten angehört und führt zurzeit weitere Abklärungen. Die letzte Sitzung des ENSI-Rats Anfang September jedenfalls brachte noch keine Klärung, offenbar laufen weitere Abklärungen.

Die Weitergabe des Nagra-Papiers an die «SonntagsZeitung» dürfte die Glaubwürdigkeit der beiden Geologen Wildi und Buser nicht eben erhöht haben, im Gegenteil: Sie müssen sich nun den Vorwurf gefallen lassen, einen persönlichen Feldzug gegen Nagra (und damit auch das ENSI und das BFE) zu führen. Der Aufklärung der seit Jahren kursierenden (und nicht unplausiblen) Filz-Vorwürfe dient dies sicher nicht.

Tiefschwarze Transparenz

Eigentlich wollte der «Beobachter» nur wissen, was die Kommission für die nukleare Sicherheit (KNS), ein vom Bundesrat eingesetztes Expertengremium, über die Reaktorkatastrophe in Fukushima diskutiert hat. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz verlangte er deshalb die Herausgabe der Protokolle der sieben bisherigen KNS-Sitzungen im laufenden Jahr – und erhielt dies:

Was sonst die Juristen beim Bundesamt für Energie sonst noch abdeckten und mit welcher Begründung, lesen Sie im «Beobachter».