Schlagwort-Archive: Eidgenösschisches Nuklearsicherheitsinspektorat

Arbeitshypothesen reichen nicht

Das ENSI ist kein Garant dafür, dass die Sicherheit in den Schweizer AKWs gewährleistet ist. Sagt das Bundesverwaltungsgericht (selbstverständlich nicht explizit).

Zwei Hiobsbotschaften an einem Tag, das ist selbst für an Pleiten, Pech und Pannen gewöhnte Institutionen wie die Mühleberg-Betreiberin BKW und das Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI ziemlich viel. So wird denn der 9. August 2012 bei beiden Stellen nicht unbedingt als Freudentag in Erinnerung bleiben. Und beim UVEK auch nicht. Dabei ist eigentlich nichts Spektakuläres passiert – es sei denn, man beurteilt ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und einen Fertigungsfehler an einem Reaktordruckbehälter als spektakulär.

Aber der Reihe nach: Das Bundesverwaltungsgericht hat eigentlich bloss angeordnet, was die Gegnerinnen und Gegner des AKWs Mühleberg vor fast einem Jahr verlangt haben: Dass das UVEK, das eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, seine Aufgabe wahrnimmt und ernsthaft – inhaltlich – prüft, ob dem AKW Mühleberg aus Sicherheitsgründen die Betriebsbewilligung entzogen werden muss. Das UVEK mit Departementsvorsteherin Doris Leuthard hatte sich bisher standhaft geweigert, dies zu tun. Die Argumentation: Das ENSI gewährleiste die Aufsicht (und somit die Sicherheit). Das Bundesverwaltungs lässt an dieser Argumentation kein gutes Haar: «Angesichts der glaubhaft dargelegten Sicherheitsbedenken der Beschwerdeführenden hätte das UVEK auf das Gesuch um Entzug der Betriebsbewilligung eintreten und eine materielle Prüfung vornehmen müssen», heisst es in der Medienmitteilung. Oder anders ausgedrückt: Das ENSI als Aufsichtsbehörde ist mit seiner Arbeit und seiner Haltung (Stichwort: «Arbeitshypothese») kein Garant dafür, dass die schweizerischen AKWs sicher sind. Man muss sich diese Feststellung mal auf der Zunge zergehen lassen.

Und als ob des Unglücks für AKW-Betreiber und Behörden nicht genug wäre, platzt da noch die Meldung aus dem belgischen AKW Doel 3 in die Runde: Dort wurden bei Untersuchungen am Reaktordruckbehälter «Fertigungsfehler» festgestellt. Man hätte dies in der Schweiz glatt unter den Tisch fallen lassen können, stammte nicht zufällig besagter Druckbehälter vom gleichen Hersteller wie derjenige in Mühleberg (bloss dass der Druckbehälter in Mühleberg noch sechs Jährchen mehr auf dem Buckel hat als der belgische). Das ENSI hat nun von der BKW sowie vom AKW Leibstadt, das von den belgischen Behörden ebenfalls auf der Liste der möglicherweise betroffenen AKWs aufgeführt wurde, «Informationen angefordert». Affaire à suivre.

Hätten Sie einen Moment Zeit?

Das ENSI will wissen, wie es um sein Image bestellt ist und gibt dazu eine Meinungsumfrage in Auftrag. Überlegen Sie gut, was Sie antworten.

Das Telefon klingelt grundsätzlich, wenn Familie Schweizer sich zum Nachtessen hinsetzt Auf dem Display steht «Unbekannter Anrufer», und wenn man trotzdem auf die grüne Taste drückt, fragt eine trainiert nette Stimme, ob man denn wohl einen Moment Zeit habe? Antwortet man unüberlegterweise mit «Ja», so kann man in den folgenden Minuten seine Meinung zu allem Möglichen kundtun: Zeitschriften, Shampoo-Marken, Ausländerpolitik – und demnächst über das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI). Dieses will nämlich wissen, wie es um das Vertrauen in seine Arbeit bestellt ist. Der ENSI-Rat, das Aufsichtsgremium über das ENSI, hat an seiner Sitzung vom 3. November beschlossen, eine entsprechende Meinungsumfrage in Auftrag zu geben. Das geht aus dem Sitzungsprotokoll hervor, das angelisansichten.ch vorliegt. Das Vertrauen der Bevölkerung in das ENSI sei «eines der obersten strategischen Ziele», heisst es in dem Papier. Im Leistungsauftrag an die Befrager ist deshalb festgehalten, «dass die Zielerreichung bewertet werden soll».

Man muss kein Prophet sein, um die Schlagzeile auf der Website des ENSI zu erraten, mit der die Resultate der Umfrage dereinst verkündet werden: «Schweizerinnen und Schweizer vertrauen dem ENSI» oder zumindest sehr ähnlich dürfte sie lauten. Alles andere würde nicht auf die Website passen, die seit ihrer Neugestaltung im August zu einer virtuellen Gute-Nachrichten-Schleuder ausgebaut worden ist.

Beispiele gefällig?
30: November: «Angstbarometer – Die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung in der Schweiz ist klein»
2. Dezember: «Gute Noten für Schweizer Atomaufsicht»
9. Dezember: «Umweltminister Untersteller teilt Entsorgungsphilosophie der Schweiz»
13.Dezember: «Kernkraftwerke sind gegen Sonnenstürme gewappnet»
Fortsetzung folgt, garantiert.

Mindestens zwei Mal pro Woche werden so atomare Good News verbreitet und wird Transparenz suggeriert. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie der «Beobachter» berichtet: Das ENSI versucht Interviews zu zensieren, lädt nur ausgewählte Journalisten zu Mediengesprächen ein, hält eigentlich öffentliche Dokumente unnötig lange zurück und rückt andere gar nicht mehr heraus – etwa die für AKW-Kritiker wichtige «Liste der Geschäfte» (sprich: Pendenzen in den AKWs).

Überlegen Sie deshalb gut, was Sie antworten, wenn demnächst abends das Telefon klingelt und eine nette Stimme fragt, ob Sie wohl einen Moment Zeit hätten.

Den vollständigen Artikel aus dem Beobachter finden Sie hier.

AKW Leibstadt: Brisante Details aufgetaucht

Eine Mitteilung des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) verschweigt wichtige Details zu einem Tauchunfall im AKW Leibstadt.

Für Journalisten gibt es eine grosse Versuchung: Medienmitteilungen einfach abzuschreiben. Dadurch erspart man sich erstens Zeit und zweitens teilweise lästige Auseinandersetzungen mit Mediensprechern. Es gibt für Journalisten aber auch eine grosse Herausforderung: Nachhaken. Das ist nicht immer bequem – aber manchmal ergiebig. Schon fast traditionellerweise lohnen sich Nachfragen bei Medienmitteilungen des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), denn dort wird selten mehr gesagt, als unbedingt notwendig. Und manchmal sogar deutlich weniger.

So meldete das Ensi am 21. Dezember in einer kaum auffindbaren Mitteilung auf der «Vorkommnis»-Liste auf seiner Website, den Abschluss der Untersuchung zu einem Vorfall vom 31. August. Damals hatte ein Taucher im Kernkraftwerk Leibstadt bei Arbeiten im Brennelement-Transferbecken einen am Beckengrund liegenden Gegenstand aufgehoben, ein hoch radioaktives Stück eines Rohrs, das vier Jahre zuvor bei Revisionsarbeiten unbemerkt abgebrochen war. Der Mitarbeiter einer externen Taucherfirma bekam dadurch eine Dosis von 28 Milli-Sievert (mSv) ab, erlaubt wären 20 mSV – pro Jahr. An gewissen Stellen der Hand betrug die Dosis sogar 7,5 Sievert (nicht Milli-Sievert!).

Das Fazit des Ensi: «Das Ensi hat überprüft, ob Hinweise auf eine Übertretung des Strahlenschutzgesetzes vorliegen. Gemäss den Erkenntnissen aus der Vorkommnisbearbeitung durch das Ensi ist dies nicht der Fall. Das Ensi verfolgt die Umsetzung der vom KKL ergriffenen Korrekturmassnahmen und verlangt Verbesserungen bei den vor und während Taucharbeiten vorzunehmenden Dosisleistungsmessungen.»

Da lohnt sich nicht nur eine Nachfrage, sondern gleich ein Gesuch um Herausgabe der Untersuchungsakten. Der «Beobachter» hat das getan – und die Berichte des Ensi und der externen Strahlenschutzexperten tatsächlich erhalten. Die Lektüre bringt erstaunliche Details an den Tag:

  • Das Brennelement-Transferbecken, in dem der Mann tauchte, wurde vor den Arbeiten nur punktuell ausgemessen.
  • Ein tragbarer Unterwasser-Geigerzähler für den Taucher stand nicht zur Verfügung.
  • Die «Überwachungsperson am Beckenrand», mit der der Taucher in Funkkontakt stand, war ein Mitarbeiter der Taucherfirma, nicht des KKL. Er sah als einziger auf den Monitor, der Bilder von der Helmkamera des Tauchers übertrug. Die beiden Strahlenschutzexperten, die ebenfalls vor Ort waren, «hatten keinen Auftrag, den Monitor permanent zu überwachen».
  • Das so genannte Fingerringdosimeter, das der Taucher an seiner rechten Hand trug und welches die genausten Messwerte über die tatsächliche Verstrahlung hätte liefern können, war während des Tauchgangs beschädigt worden. Das Dosimeter wurde anschliessend unter der Lupe wieder zusammengesetzt, mit Sekundenleim geklebt und – nach einem Text mit einem absichtlich zertrümmerten und wieder zusammengeklebten Dosimeter – als glaubwürdig taxiert. Von all dem erfuhren die externen Experten, die die Strahlenbelastung des Tauchers errechnen mussten, erst vom Unfallopfer selber.
  • Von all dem steht nichts in der offiziellen Mitteilung des Ensi. Manchmal lohnt es sich halt, nachzuhaken.

    Exklusiv für Leserinnen und Leser von angelisansichten.ch: der Untersuchungsbericht des Ensi und der Bericht der externen Strahlenschutzexperten.