Schlagwort-Archive: Energieetikette

Fässer statt Flaschen für Leuenberger

Der Bundesrat will für Geräte, Anlagen und Fahrzeuge verbindliche Verbrauchsvorschriften einführen. Die Wirtschaft heult auf – und redet ihr Versagen schön.

Die Wirtschafts- und Autolobbyisten im Bundeshaus können schon mal die Ärmel hochkrempeln. In den kommenden Monaten werden sie eine Vorlage zu bodigen haben, die «noch die Handschrift des ehemaligen Uvek-Vorstehers Bundesrat Moritz Leuenberger» trägt, wie die «Automobilrevue» formalistisch-korrekt schreibt. Tatsächlich ist die nun ans Parlament weitergereichte Änderung von Artikel 8 des Energiegesetzes eine Art Abschiedsgeschenk an den abgetretenen Energieminister: Der Bundesrat will in der Energiepolitik vom Prinzip abrücken, dass der Energieverbrauch von Geräten, Anlagen und Fahrzeugen mittels freiwilligen Vereinbarungen mit den betroffenen Branchen gesenkt wird. Stattdessen sollen künftig klare Vorschriften regeln, wieviel Strom eine Kaffeemaschine brauchen darf oder mit wieviel Benzin ein Auto im Durchschnitt auskommen muss.

Dass deswegen insbesondere die Auto-Importeure laut aufheulen werden, wurde an dieser Stelle schon vor ein paar Monaten vorausgesagt. Schliesslich zeichnet sich die Autobranche seit nunmehr neun Jahren dadurch aus, dass sie die in einer derartigen Vereinbarung festgelegten Verbrauchswerte mit einer geradezu bewundernswerten Konstanz deutlich verfehlt. Das stimme «keineswegs», hält der Interessensverband «strasseschweiz» fest. Vielmehr habe der Treibstoffverbrauch von Neuwagen in dieser Zeit kontinuierlich abgenommen, wenn auch «auf einem verglichen mit der Vereinbarung zeitlich leicht verzögerten Absenkungspfad».
So blumig wurde ein Versagen noch selten schöngeredet: Vereinbart war, dass die in der Schweiz verkauften Neuwagen bis Ende 2008 im Durchschnitt noch maximal 6,4 Liter auf 100 Kilometer brauchen. Ende 2009 war man gerade mal bei 6,86 Litern angekommen. Wenn es ein Argument für den Übergang von der Freiwilligkeit zu zwingenden Vorschriften gibt, dann dieses.

Die Autolobbyisten werden in der Wandelhalle des Bundeshauses jedoch nicht die einzigen sein, die gegen den Paradigmenwechsel in der Energiepolitik weibeln. Auch die Economiesuisse wird ihre Einflüsterer losschicken: Die Kritik an der Wirksamkeit freiwilliger Massnahmen sei «nicht nachvollziehbar», schreibt der Wirtschaftsdachverband in seiner Vernehmlassungsantwort: «Das bewährte Instrument der Subsidiarität und Kooperation von Staat und Wirtschaft darf nicht wegen Einzelfällen mangelnder freiwilliger Einigung preisgegeben werden.»

Moritz Leuenberger wäre wohl mit ein paar Flaschen Wein als Abschiedsgeschenk besser bedient gewesen, wurde ebenfalls an dieser Stelle schon im Oktober geunkt. Nach den Vernehmlassungsantworten der Wirtschafts- und Autolobby wären wohl eher ein paar Fässer angebracht – um den Ärger über die programmierte Ablehnung der Gesetzesänderung herunterzuspülen.

Energieeffizienz: Abwarten und Kaffee trinken

Es sollte eine gute Nachricht sein: Dank neuer Energieetikette für Kaffee­maschinen werde es einfach, stromsparende Modelle auszuwählen, verkündete das Bundesamt für Energie (BFE) im Oktober – eine Ankündigung, an der der Energie- und Umweltblogger schon damals zweifelte, und das aus einem simplen Grund: Die Etikettierung ist freiwillig

Ein gutes halbes Jahr später zeigt sich, dass weder Händler noch Hersteller es besonders eilig haben, die Energieeffizienz der Geräte tatsächlich auszuweisen. Interdiscount will die Etikette im Herbst einführen, Fust «voraussichtlich im Herbst/Winter 2010». Die Migros erklärt, man sei bestrebt, «so bald wie möglich alle Geräte deklarieren zu können», aber: «Da die Schweiz hier international Vorreiter ist, sehen gewisse Produzenten aufgrund ihrer internationalen Ausrichtung teilweise zu wenig Handlungsbedarf.»

Rudolf Bolliger vom Fachverband Elektroapparate spielt den Ball an den Handel zurück: Die Kriterien für die Etikette seien so streng, dass nur ein kleiner Teil der Geräte in die Kategorie «A» komme. Weil der Detailhandel A-Geräte bevorzuge, sei es für die Hersteller nicht attraktiv, ihre Maschinen zu kennzeichnen.

Für BFE-Sprecherin Marianne Zünd ist die Etikette trotzdem «eine Erfolgsgeschichte»: «Bereits als mit der Erarbeitung der Etikette begonnen worden war, stellten die Hersteller ihre Produktion auf energieeffizientere Kaffeemaschinen um.» Bloss komisch, dass sie das nicht deklarieren.

Dieser Beitrag ist in Beobachter 11/10 erschienen.


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Ein Viertelherz für Kaffeetrinker

Kann man frühmorgens schon vor dem ersten Schluck Kaffee ein gutes Gewissen haben? Ja, vermeldet das Bundesamt für Energie (BFE) in einer Medienmitteilung pünktlich zum «Energy Day 09». Ab sofort, so die frohe Botschaft, würden nebst Geschirrspülern, Waschmaschinen. Kühlschränken und Autos auch Kaffeemaschinen mit einer Energieetikette gekennzeichnet. Vorbei also die Zeiten, als man den Tag mit einem schlechten Gewissen begann, weil das lebenswichtige Haushaltgerät die ganze Nacht fleissig und mit viel Strom das Wasser nah am Siedepunkt gehalten hatte. Ab sofort kann jeder und jede Koffeinjunkie beim Kauf einer neuen Kaffeemaschine auf den ersten Blick erkennen, wie effizient diese arbeitet. «Energiebewusst geniessen» sei nun möglich, verspricht das BFE.

Wer sich nun freut, dass er sich künftig nur noch wegen der Aluverpackung des Kaffeepulvers ein klein wenig als Umweltsünder fühlen muss, tut dies zu früh. Ganz am Schluss der Medienmitteilung vermeldet das BFE nämlich, dass die Etikette vorerst nur «auf freiwilliger Basis» eingeführt werde, bis ein europäischer Standard vorliege.

Eine Deklaration auf freiwilliger Basis? Das hatten wir doch schon einmal. Als die Energieetikette im Jahr 2002 für Haushaltgeräte wie Kühlschränke und Geschirrspüler einführte, stellten Konsumenten- und Umweltschutzorganisationen nach einem knappen Jahr fest, dass nur rund die Hälfte der Geräte korrekt deklariert waren. Erst die Einführung des Obligatoriums verbesserte die Situation, und selbst dies nur schleppend.

«Damit die Etikette etwas bringt, muss sich obligatorisch sein, und es braucht zwingende Mindestanforderungen an die Geräte», erklärt der Zürcher Energieberater Conrad U. Brunner, Mitglied der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (SAFE). Die freiwillige Etikette für Kaffeemaschinen sei keine halbherzige Lösung, sondern «bestensfalls eine viertelherzige. Ein halbes Herz hat immerhin eine Kammer, die funktioniert.»


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