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Atomstrom ja bitte!

Zwei SVP-Parlamentarier verlangen in der Stadt Zürich einen Tarif für Freunde des Atomstroms. Eine super Idee.

«Strom ist Strom», sagen die beiden Zürcher Gemeinderäte Bruno Amacker und Roger Bartholdi laut dem «Tages-Anzeiger»: «Was aus der Steckdose fliesst, ist immer dasselbe.» Da haben die beiden SVP-Parlamentarier rein schon aus physikalischen Gründen recht. Und dass sich zwei Mitglieder der atomfreundlichsten Partei des Landes damit schwertun, dass man beim städtischen Elektrizitätswerk EWZ nur zwischen den Stromprodukten Solartop, Ökopower, Naturpower und Mixpower wählen kann und deshalb in jedem Fall zumindest abrechnungstechnisch auch bei SVP-Mitgliedern immer etwas Ökostrom aus der Steckdose fliesst, haben Amacker und Bartholdi eine Motion eingereicht: Sie fordern einen Stromtarif «Nuclearpower» mit 100 Prozent Atomstrom, um ihrer Sympathie für AKWs Ausdruck geben zu können.

Mal ganz abgesehen davon, dass auch damit immer noch dasselbe aus der Steckdose fliesst: Die Idee ist absolut zu unterstützen, da absolut-SVP-sünneliklar und wohlüberlegt. Schliesslich zahlen die Bezügerinnen und Bezüger von Ökostrom den effektiven Preis, den dessen Produktion kostet: Aufschläge von bis zu 60 Rappen oder mehr, um ihrer Sympathie für umweltfreundlich produzierten Strom Ausdruck zu geben.

Es spricht deshalb absolut nichts dagegen, dass künftig auch die Freundinnen und Freunde von Atomstrom den effektiven Preis für ihren Lieblingsstrom bezahlen. Überlegen wir doch mal: Derzeit müssen sich Schweizer AKWs mit gerade mal 1,8 Milliarden Franken gegen einen Super-GAU versichern. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz schätzt jedoch die maximalen Kosten auf 4000 (!) Milliarden. Wer wirklich seine Sympathie für Atomstrom ausdrücken will, muss wohl oder übel die Kosten für eine Versicherung in dieser Höhe einkalkulieren. Rechnet man nun noch die Summen hinzu, die nach Ansicht von Atomkritikern im Stilllegungs- und Entsorgungsfonds dereinst fehlen werden, wenn die Schweizer Meiler zurückgebaut und ihr strahlender Müll endgelagert werden muss, so kommen locker ein paar weitere Milliarden dazu. Und rechnet man schliesslich das Ganze auf den Preis um, den Atomstrom tatsächlich kostet, so läge der angemessene Tarif für «Nuclearpower» wohl um einiges über dem Preis für Ökostrom.

Mal ganz ehrlich: Wenn die das wirklich so meinen, ziehe ich in die Stadt Zürich und wähle das nächste Mal SVP.

Erdverbunden und megaschlau

Wenn sie an Podiumsveranstaltungen in diesen Wochen das Potential der erneuerbaren Energien erklären will, dann greift die Berner Energiedirektorin (und erklärt AKW-Gegnerin Barbara Egger gerne zu einem Vergleich: «Hätten Sie sich vor 20 Jahren träumen lassen, dass heute fast jeder ein Handy hat? Und was man damit alles kann?», fragt sie dann.

Es ist eines der realitätsnaheren Argumente im heftig geführten Abstimmungskampf um ein neues AKW in Mühleberg. Das Ja-Komitee aus bürgerlichen Politikerinnen und Politikern etwa malt das Schreckgespenst einer 320 hohen Staumauer bei Thun an die Wand. Die Talsperre, mit der das halbe Berner Oberland überflutet würde, wäre angeblich nötig, um gleichviel Strom zu erzeugen, wie dies «Mühleberg II» dereinst tun soll.
Die auf Fotovoltaik spezialisierte Firma Megasol aus Aarberg wiederum offeriert der BKW via «SonntagsZeitung», für exakt 13,64 Milliarden genügend Solarzellen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern zu intallieren, um die Pläne für den neuen Meiler zur Makulatur zu machen. (Blendet man einmal die Frage aus, wie ein KMU ein 13-Milliarden-Projekt stemmen will, ist die Idee übrigens durchaus bedenkenswert). Darüber hinaus gibt es im Abstimmungskampf energiepolitische Schreckszenarien en masse, böse Worte sowieso und sogar Rücktrittsforderungen. In Bern fliegen für einmal die Fetzen.

© Martin Große / pixelio.de
Neben diesen grossen Worten und Zahlen nimmt sich ein weiteres Projekt geradezu wohltuend bescheiden und erdverbunden aus. Energie Wasser Bern (EWB), (LINK) der Stadtberner Energieversorger, hat diese Woche eine Studie über das Potential der Geothermie in Bern vorgestellt – und dies mit einer Zurückhaltung, die jeglichen Zusammenhang mit dem Abstimmungskampf (das EWB hat den Auftrag, bis 2039 aus der Atomenergie auszusteigen), verneinen lässt.

Ein Geothermie-Kraftwerk sei «machbar», die Resultate «vielversprechend», waren die wohl euphorischsten Aussagen von ewb-Verantwortlichen, die über die Studie zu lesen waren: «Die geologischen Verhältnisse in der Region Bern rechtfertigen weiterführende Unter­suchungen zur Erkundung geothermischer Ressourcen, wie die Grundlagenstudie ergeben hat.» Den Zeithorizont für ein Geothermie-Kraftwerk gibt das EWB mit 15 bis 20 Jahren an.

Nach dem Erdbeben in Basel im Jahr 2006, welches das Ende des dortigen Geothermieprojekts bedeutete, tut man alles, um keine grossen Hoffnungen zu wecken. Gemeinsam sieben Partnern, unter anderem dem Elektriztiätswerk der Stadt Zürich (EWZ), der Elektra Baselland (EBL) und den Industriellen Werken Basel (IWB), hat das EWB die Geo-Energie Suisse AG gegründet, die nun die Untersuchungen seriös und flächendeckend an die Hand nehmen soll. Erst wenn umfassend Resultate über die Eignung des Untergrunds im Mittelland vorliegen, wird über das weitere Vorgehen entschieden.

Und obschon noch kein Meter tief gebohrt ist (und man nicht einmal weiss, ob es je soweit kommt), macht das Projekt Hoffnung. Darauf nämlich, dass eine Energiequelle mit schier unerschöpflichem Potential erst einmal seriös erforscht wird, bevor man sie in den Himmel hinauf lobt. Und darauf, dass – vielleicht – einmal eine Energiedirektorin fragen kann: «Hätten Sie vor 20 Jahren geglaubt, dass Geothermie ein solches Potential hat?»