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Das AKW im Fokus

Sie kämpfen seit über 20 Jahren für eine Abschaltung des AKWs Mühleberg. Nun haben Jürg Aerni und Jürg Joss einen Sieg errungen. Sie wollen weiterkämpfen.

Jürg Aerni (links) und Jürg Joss (© Adrian Stähli)
Es ist, als würde sich jetzt ein Kreis schliessen. Gelbe Fahnen, auf denen «Atomkraft nein danke» steht, ältere Menschen, Familien mit Kindern, selbstgedruckte T-Shirts, Windräder. So ähnlich sah es 1975 aus, als Jürg Aerni bei der Besetzung von Kaiseraugst dabei war, so erinnert man die Kundgebung zum ersten Jahrestag von Tschernobyl im Jahr 1987. Jürg Aerni steht in der Menge, unter dem Arm einen Stapel des Vereinsblatts «Fokus Anti-Atom». Gelegentlich erkennt ihn jemand, drückt ihm die Hand. Wäre Jürg Aerni kein so zurückhaltender Mensch, er würde wohl strahlen. So lächelt er bloss und sagt: «Ja, es hat sich schon etwas bewegt in den vergangenen Tagen.»

Mühleberg, Sonntag, 11. März 2012, der erste Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima. Von den Organisatorinnen und Organisatoren als Gedenk- und Protestkundgebung geplant, vom Bundesverwaltungsgericht wohl eher unabsichtlich in ein Freudenfest für AKW-Gegnerinnen und -Gegner umfunktioniert. Denn vier 
Tage vor der Kundgebung befristete das Gericht die Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg bis zum 28. Juni 2013. Kann die Mühleberg-Betreiberin BKW bis dahin kein umfassendes Instandhaltungskonzept präsentieren, muss das zweitälteste AKW der Schweiz abgestellt werden.

Während Aerni auf dem Platz diskutiert, steht Joss auf der Bühne und atmet erst einmal durch: «Äh – Wahnsinn, was da passiert», ruft er in die Menge, und plötzlich sprudelt die ganze Rede, die er eigentlich auf Hochdeutsch vortragen wollte, auf Berndeutsch aus ihm heraus. «Ich chönnt dr ganz Tag juble. Mir si so nach dranne, das Chraftwärch da hinger üs abzschteue!»

Das AKW Mühleberg abstellen, abschalten, stilllegen, vom Netz nehmen. Aerni und Joss arbeiten seit über 20 Jahren gemeinsam auf diesen Moment hin. «Schrottreaktor» nennen sie das 1972 in Betrieb genommene Werk, oder auch einfach «Chlapf». Auf Deutsch: Kiste.

Jürg Aerni gehört zu jenen 113 Anwohnerinnen und Anwohnern, die das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts erstritten haben. Er wohnt in der «Zone 2», mitten in der Stadt Bern. Ein grosser Unfall in Mühleberg würde ihn direkt betreffen. Joss hingegen konnte als Bewohner der weiter entfernten «Zone 3» nicht klagen. Gemeinsam lieferten die beiden die Fakten und Hintergründe für die Klage. Sie seien der «technische Ausschuss» des Vereins Fokus Anti-Atom, sagt Joss. Seit knapp zwei Jahren 
ist mit dem Informatikingenieur Markus Kühni ein drittes Mitglied in diesem Ausschuss dabei.
Von Tschernobyl wachgerüttelt

Jürg Aerni, Jahrgang 1950, diplomierter Physiker, sagt von sich selber, er sei «immer schon eher links unterwegs gewesen». Vietnamkrieg, Frauenstimmrecht, Technologiekritik – «wir trafen uns in kleinen Gruppen und diskutierten alles Mögliche.» Der Widerstand gegen das geplante AKW Kaiseraugst war der Einstieg in Aernis Kampf gegen die Atomkraft, «aber richtig begann ich mich erst nach Tschernobyl zu engagieren».

Aerni half, «AMüs» zu gründen, die «Aktion Mühleberg stilllegen», anfänglich eine bunt zusammengewürfelte Organisation. Man protestierte mal mit Liedern, mal mit einem Sitzstreik vor dem Hauptsitz der Betreiberfirma BKW. Und man recherchierte – hauptsächlich Aerni recherchierte. Und er fand Zahlen und Fakten, die ihm zu denken gaben. Über die «Filterpanne» etwa, bei der wegen defekter Abluftfilter Radioaktivität aus dem Werk austrat. Oder über die Risse im Kernmantel, die 1990 zum ersten Mal registriert wurden.

Jürg Joss, Jahrgang 1964, war nicht von Anfang an bei ­AMüs dabei. «Als Jürg Aerni wegen Tschernobyl demonstrierte, kontrollierte ich im AKW Leibstadt noch mess- und regulierungstechnische Anlagen», sagt er. Automationsspezialist Joss war zweimal bei einer Revision in Leibstadt dabei. Den persön-
lichen «Strahlenpass», der über seine Strahlendosis Auskunft gibt, trägt er immer noch mit sich herum.

Ein Buch über Tschernobyl, erstanden in einem Buchladen in Tibet, brachte sein Weltbild ins Wanken. «Ich wurde zum AKW-Gegner.» 1990 trat Joss AMüs bei. Es war der Beginn 
eines bis heute dauernden Teamworks.

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Kinder, wie die Zeit vergeht

Die BKW nimmt das AKW Mühleberg fünf Wochen vor der geplanten Revision vom Netz, weil das bisher als «sicher» gepriesene Notstandssystem SUSAN eben doch nicht so sicher ist. Danach soll Mühleberg bis 2020 betrieben werden – wenn nichts dazwischen kommt.

© Reinder Heijs
Kinder, wie die Zeit vergeht. Fast kommt es einem vor, als läge der 17. März 2011 schon Jahre und nicht erst gut drei Monate zurück. Aufgeschreckt von den Ereignissen in Fukushima organisierte damals die BKW für eine Schar ausgewählter Journalisten eiligst eine Besichtigung des AKWs Mühleberg. Damit verbunden war auch eine Führung durch den SUSAN-Bunker, um zu demonstrieren, dass das «Subsidiäre unabhängige System zur Abführung der Nachzerfallswärme» jeder denkbaren Katastrophe trotzen würde. Tags darauf las das Publikum in den verschiedenen Schweizer Zeitungen etwa folgende Sätze:

«Sollte beispielsweise das Stauwehr im Wohlensee brechen, wird der Wasserpegel in der Anlage etwa vier bis fünf Meter erreichen. Deshalb wurden alle relevanten Sicherheitsbauten oberhalb dieser Höhe gebaut.» (BKW-Geschäftsleitungsmitglied Martin Pfisterer in der «Südostschweiz».)

«Wir sind damit sogar über die verlangten Sicherheitsmassnahmen hinausgegangen. SUSAN schützt vor Erdbeben, Überflutung, Blitzschlag, der Einwirkung Dritter und dem Bruch der Kernsprühleitung.» (Patrick Miazza, Betriebsleiter des AKWs Mühleberg, im «Bund»)

«Die Ereignisse könnten beherrscht werden.» (BKW-Geschäftsleitungsmitglied Hermann Ineichen in der «NZZ» über Gefahren wie Erdbeben, Bruch des Wohlensee-Staudamms und eine fünf Meter hohe Flutwelle.)

Und jetzt, zufälligerweise einen Tag bevor die BKW dem Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) in einem Bericht aufzeigen muss, dass das AKW Mühleberg auch ein Hochwasser überstehen würde, wie es nur alle 10 000 Jahre einmal vorkommt, ausgerechnet da ist plötzlich nichts mehr, wie es vorher war: Die BKW nimmt ihren Uralt-Meiler fünf Wochen vor der geplanten Revision vom Netz, um «Massnahmen zur Erhöhung der Sicherheit» zu treffen. Konkret: Das jahrzehntelang als sicher gepriesene SUSAN soll eine verstopfungssichere Kühlwasserversorgung erhalten. Die BKW nennt dies «einen Schritt zur Verbesserung der Sicherheit».

Die atomkritische Gruppe Fokus Anti-Atom hatte schon im Januar auf genau dieses Problem bei SUSAN aufmerksam gemacht – und war sowohl bei der BKW als auch beim ENSI abgeblitzt. Auch auf einen entsprechenden Bericht im «Beobachter» blieb die Reaktion aus.

Wer den Berner Stromkonzern kennt, weiss, dass die Verantwortlichen das AKW Mühleberg nicht ohne grösste Not ausser Betrieb nehmen. Die 20 Millionen Franken Einnahmen, die der BKW durch den Stillstand entgehen, dürften sie über die Massen schmerzen.

Wer jedoch meint, die BKW suche mit der selbst initiierten Betriebspause bloss einen Weg, den Meiler stillzulegen, ohne dabei gänzlich das Gesicht zu verlieren, dürfte sich massiv täuschen. Wer zehn Millionen Franken investiert und zusätzlich Einbussen von 20 Millionen in Kauf nimmt, will seinen Goldesel so lange wie nur möglich weiterbetreiben. Die letzte Kilowattstunde Strom soll in Mühleberg nach dem Willen der BKW erst etwa im Jahr 2020 produziert werden – wenn denn nichts dazwischen kommt. Denn mittlerweile traut offenbar selbst die BKW-Spitze den eigenen Plänen und Beteuerungen nicht mehr uneingeschränkt. Darauf weist der Disclaimer am Schluss der Medienmitteilung hin: «Die in diesem Text geäusserten Erwartungen und vorausschauenden Aussagen beruhen auf Annahmen und sind Risiken und Unsicherheiten unterworfen. Die tatsächlichen Ergebnisse können von den in diesem Text geäusserten Erwartungen und vorausschauenden Aussagen abweichen.»

Risiken ? Unsicherheiten? Das sagen wir doch schon lange.