Schlagwort-Archive: Geothermie

So wird das nichts

Ein Jahr nach Fukushima fehlt es an fast allem, 
um den beschlossenen Atomausstieg Tatsache werden zu lassen – 
besonders am Willen.

Fukushima sei «mehr als ein Fanal», schrieb der «Beobachter» kurz nach dem verhängnisvollen 11. März 2011, als in Japan ein Tsunami eine riesige Atomkatastrophe ausgelöst hatte. Und weiter: «Sicher ist: In überschaubarer Zeit wird sich keine Mehrheit mehr finden lassen für den Ersatz bestehender Atomkraftwerke in der Schweiz.»

Tatsächlich löste die Katastrophe in Bundes­bern ungeahnte Aktivitäten aus. Drei Tage nach der Explosion in Fukushima sistierte Energie­ministerin Doris Leuthard die drei Baugesuche für neue AKWs. Leuthard, von AKW­-Gegnern bis dahin wegen ihres früheren Engagements in der Lobbyorganisation Nuklearforum als «Atom­-Doris» bezeichnet, läutete wenig später auch das Ende der Atomkraft in der Schweiz ein: Am 25. Mai verkündete sie den vom Bun­desrat beschlossenen Atomausstieg. «Ein historischer Entscheid», jubelte die Europäische Solaragentur und verlieh den vier Bundesrätinnen, die sich dafür eingesetzt hatten, den Europäischen Solarpreis.

Doch nun zeigt sich, was an dieser Stelle schon an besagtem 25. Mai geunkt wurde: Das Fanal ist nicht verstanden worden. Denn so de­finitiv, wie ihn die einen gerne sehen würden und die anderen befürchten, ist der Atomausstieg noch lange nicht. Nach zähen Verhandlungen haben die eidgenössischen Räte erst einer Motion zugestimmt, die den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie ver­langt. Doch schon bei der zentralen Frage, wie lange die bestehenden fünf AKWs noch laufen sollen, kniffen sie.

Einzig ein Verbot neuer AKWs ist beschlossen – oder eben auch nicht: Damit die Schweiz auf eine Stromproduktion ohne Atomkraftwerke umsteigen kann, muss das Kernenergiegesetz geändert werden. Über diese Revision entscheiden dann noch einmal National- und Ständerat und vielleicht auch 
das Stimmvolk – Ausgang ungewiss.

Ob und wie sich die Schweiz vom Atomstrom lösen will und kann, wird nicht nur an der Urne entschieden, sondern auch auf Hausdächern, in Küchen, Büros, in Gebirgsbächen und auf Bergrücken – überall dort, wo Strom gespart, effizienter genutzt oder aus erneuerbaren Energien gewonnen werden kann. Gerade in dieser Hinsicht haben sich im Jahr eins nach der Katastrophe von Fukushima jahrelange Versäumnisse offenbart, die zur schweren Hypothek für den Atomausstieg werden könnten.

Die Schweiz hat über Jahrzehnte zu einseitig auf die Karte Atomenergie gesetzt. Während in Deutschland Windkraftanlagen dank grosszügiger Förderung einen bedeutenden Anteil an 
die Stromproduktion leisten, stehen bei uns nur ein paar Windräder. Und während nördlich des Rheins Photovoltaikanlagen auf Privathäusern schon fast zum guten Ton gehören, herrscht auf Schweizer Hausdächern weiterhin ziegelrote Öde. Wenn dann doch einmal ein Projekt realisiert werden soll, hagelt es Einsprachen: bei Photovoltaikanlagen vom Heimatschutz, bei Windkraft von Landschaftsschützern.

Für Ernüchterung sorgt auch die vom Bundesrat im Dezember präsentierte «Energiestrategie 2050», die den Weg aus der Atomenergie auf­zeigen soll. Sie gleicht eher einem Brainstorming als einer kohärenten Strategie. Mehr Energieeffizienz, 
Anpassungen bei der Förderung von erneuerbaren Energien, Gaskombikraftwerke und Wärmekopplungs­anlagen sollen den Wegfall des in 
den Schweizer AKWs produzierten Stroms kompensieren – Ideen, die weder neu noch originell, sondern bestenfalls überfällig sind.

Auch die Energieversorger haben es – mit ein paar wenigen Ausnahmen – ein Jahr nach Fukushima noch nicht geschafft, über ihren Schatten zu springen. Zwar sind in den Portefeuilles wieder ein paar Beteiligungen an ausländischen Windkraftanlagen dazugekommen, und auch Wasserkraftprojekte werden geplant und realisiert. Diese Engagements kaschieren aber nur notdürftig, dass für die grossen Schweizer Stromproduzenten die erneuerbaren Energien trotz gegenteiligen Beteuerungen noch immer eine Quantité négligeable sind.

Das jüngste Beispiel lieferte im Februar die BKW. Die Betreiberin des Atomkraftwerks Mühleberg zeigte mit dem Abbau von acht (von 50) Stellen bei ihrer Ökostrom-Tochter Sol-E Suisse unmissverständlich, was sie von erneuerbaren Energien hält. Geothermie, Solarenergie und Wärmekraftkopplung gehören damit nicht mehr zu den Kernaufgaben der Sol-E Suisse.

Wenn das die Gangart ist, mit der die Schweiz aus der Atomenergie aussteigen will, 
könnte aus dem «historischen Entscheid» schnell einmal ein historischer Flop werden.

Erdverbunden und megaschlau

Wenn sie an Podiumsveranstaltungen in diesen Wochen das Potential der erneuerbaren Energien erklären will, dann greift die Berner Energiedirektorin (und erklärt AKW-Gegnerin Barbara Egger gerne zu einem Vergleich: «Hätten Sie sich vor 20 Jahren träumen lassen, dass heute fast jeder ein Handy hat? Und was man damit alles kann?», fragt sie dann.

Es ist eines der realitätsnaheren Argumente im heftig geführten Abstimmungskampf um ein neues AKW in Mühleberg. Das Ja-Komitee aus bürgerlichen Politikerinnen und Politikern etwa malt das Schreckgespenst einer 320 hohen Staumauer bei Thun an die Wand. Die Talsperre, mit der das halbe Berner Oberland überflutet würde, wäre angeblich nötig, um gleichviel Strom zu erzeugen, wie dies «Mühleberg II» dereinst tun soll.
Die auf Fotovoltaik spezialisierte Firma Megasol aus Aarberg wiederum offeriert der BKW via «SonntagsZeitung», für exakt 13,64 Milliarden genügend Solarzellen auf öffentlichen Gebäuden und Privathäusern zu intallieren, um die Pläne für den neuen Meiler zur Makulatur zu machen. (Blendet man einmal die Frage aus, wie ein KMU ein 13-Milliarden-Projekt stemmen will, ist die Idee übrigens durchaus bedenkenswert). Darüber hinaus gibt es im Abstimmungskampf energiepolitische Schreckszenarien en masse, böse Worte sowieso und sogar Rücktrittsforderungen. In Bern fliegen für einmal die Fetzen.

© Martin Große / pixelio.de
Neben diesen grossen Worten und Zahlen nimmt sich ein weiteres Projekt geradezu wohltuend bescheiden und erdverbunden aus. Energie Wasser Bern (EWB), (LINK) der Stadtberner Energieversorger, hat diese Woche eine Studie über das Potential der Geothermie in Bern vorgestellt – und dies mit einer Zurückhaltung, die jeglichen Zusammenhang mit dem Abstimmungskampf (das EWB hat den Auftrag, bis 2039 aus der Atomenergie auszusteigen), verneinen lässt.

Ein Geothermie-Kraftwerk sei «machbar», die Resultate «vielversprechend», waren die wohl euphorischsten Aussagen von ewb-Verantwortlichen, die über die Studie zu lesen waren: «Die geologischen Verhältnisse in der Region Bern rechtfertigen weiterführende Unter­suchungen zur Erkundung geothermischer Ressourcen, wie die Grundlagenstudie ergeben hat.» Den Zeithorizont für ein Geothermie-Kraftwerk gibt das EWB mit 15 bis 20 Jahren an.

Nach dem Erdbeben in Basel im Jahr 2006, welches das Ende des dortigen Geothermieprojekts bedeutete, tut man alles, um keine grossen Hoffnungen zu wecken. Gemeinsam sieben Partnern, unter anderem dem Elektriztiätswerk der Stadt Zürich (EWZ), der Elektra Baselland (EBL) und den Industriellen Werken Basel (IWB), hat das EWB die Geo-Energie Suisse AG gegründet, die nun die Untersuchungen seriös und flächendeckend an die Hand nehmen soll. Erst wenn umfassend Resultate über die Eignung des Untergrunds im Mittelland vorliegen, wird über das weitere Vorgehen entschieden.

Und obschon noch kein Meter tief gebohrt ist (und man nicht einmal weiss, ob es je soweit kommt), macht das Projekt Hoffnung. Darauf nämlich, dass eine Energiequelle mit schier unerschöpflichem Potential erst einmal seriös erforscht wird, bevor man sie in den Himmel hinauf lobt. Und darauf, dass – vielleicht – einmal eine Energiedirektorin fragen kann: «Hätten Sie vor 20 Jahren geglaubt, dass Geothermie ein solches Potential hat?»