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Inspektion für das Bundesgericht

Ohne viel Aufhebens haben im AKW Mühleberg Experten der Internationalen Atomenergie-Agentur eine zweieinhalb Wochen dauernde Inspektion begonnen. Sie soll «Verbesserungspotenzial aufzeigen» – und gut Wetter machen.

Der Bericht war Balsam auf die Wunden der immer wieder kritisierten AKW-Betreiberin BKW: Das AKW Mühleberg sei in einem befinde sich in einem «ausserordentlich guten materiellen Zustand» bescheinigten die Inspektoren des «Operational Safety Review Team» (OSART) der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA). Das war im Jahr 2000. Nun sind die OSART-Inspektoren wieder in Bern. Ohne viel Aufheben darum zu machen (die entsprechenden Mitteilungen liegen gut versteckt auf der BKW-Website), hat am 8. Oktober in Mühleberg eine weitere OSART-Mission begonnen. Angefordert hat die Inspektoren die BKW selber. Ziel der Mission sei es, so die Medienmitteilung, «sowohl Verbesserungspotenzial aufzuzeigen, welches nach der Mission mittels konkreter Massnahmen umgesetzt wird, als auch sogenannte „Good Practices“ zu identifizieren, die als international beispielhafte Lösungen für Betriebsprozesse gelten».

Rund drei Monate nach ihren Besuch werden die OSART-Experten einen Bericht zur Sicherheit in Mühleberg abliefern. Man fragt sich, ob der (bereits im Frühling aufgegleiste) Besuch bloss eine Art zeitliche Koinzidenz ist: Irgendwann in den kommenden Monaten wird das Bundesgericht darüber urteilen müssen, ob das AKW Mühleberg Mitte 2013 abgeschaltet werden muss oder nicht. Ein positiver Bericht käme der BKW da sehr zupass.

Angesichts des anstehenden Bundesgerichtsurteils ist der von der BKW angeforderte Besuch der OSART-Inspektoren für die AKW-Betreiberin allerdings nicht ganz risikolos. Es besteht auch die Gefahr von kritischen Bemerkungen. Im Jahr 2000 hatten die Inspektoren zwar diplomatisch, aber deutlich auf Schwachstellen hingewiesen, die zu denken gaben (und immer noch geben):
Das Management sollte ein Kultur etablieren, mit der Ereignisse und Probleme früher identifiziert und gemeldet würden, stand da etwa. Auch das Qualitätsmanagement wurde kritisiert, und – besonders bedenklich – die Kontrolle der an die Umgebung abgegebenen Radioaktivität.

Daneben gab es auch zahlreiche sicherheitsrelevante Details, welche die OSART-Inspektoren als «below good international practice» tadelten: So fanden sie etwa im Dieselgeneratorenraum des Notstandsystems SUSAN, wo Rauchen strengstens verboten ist einen Zigarettenstummel. Auf trafen sie auf Gasflaschen, deren Inhalt wegen einer fehlenden Markierung nicht klar war. Und sie mussten feststellen, dass die Standorte von Feuerlöschern zum Teil mit anderem Material überstellt waren.

Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, und das Sicherheitsbewusstsein in Mühleberg mag sich seither gebessert haben. Selbst wenn dem so wäre und die OSART-Inspektoren der BKW ein gutes Zeugnis ausstellen, sollte ein Punkt nicht vergessen gehen: Die Inspektoren überprüfen im AKW Mühleberg allein die betriebliche Sicherheit. Die Risse im Kernmantel, die nach wie vor fehlende alternative Kühlwasserversorgung und all die anderen Unzulänglichkeiten stehen auf keiner Checkliste. Falls die Bundesrichter den OSART-Bericht vor ihrem Urteil noch zu Gesicht bekommen, tun sie gut daran, dies zu berücksichtigen.

UPDATE: GAU in Fukushima: Fakten, News, Meinungen

Im Reaktordruckbehälter des Blocks 2 im AKW Fukushima sollen zwei grosse Löcher klaffen, im Brennelementbecken von Block 4 kocht das Wasser. Fakten, News, Meinungen und Links zur aktuellen Lage in Japan.

Dienstag, 15. März, 12.30 Uhr: Auf dem Werksgelände von Fukushima-Daiichi (Fukushima I) wurde eine Stunden-Dosisleistung von 400 MilliSievert gemessen. Das entspricht dem 400-Fachen des Jahresgrenzwerts. Nachdem die Winde auf Nord gedreht haben, droht nun eine radioaktive Wolke, Tokio zu erreichen. Die aktuelle Lage in Fukushima ist verworren.

Auf der Website der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) sind die Vorfälle in Japan auf der 7-stufigen INES-Skala («Unfall ohne signifikante Gefährdung der Umgebung») immer noch auf Stufe 4 eingestuft. Medienberichte – unter anderem über die Evakuation von rund 200 000 Menschen aus der Umgebung von Fukushima Daiichi – vermitteln ein anderes, wesentlich dramatischeres Bild. Mittlerweile spricht man beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) davon, dass Stufe 5 erreicht sei.

Die offizielle Website des Energieunternehmens TEPCO mit aktuellen Informationen (auf Englisch):
http://www.tepco.co.jp/en/index-e.html


Fukushima Daiichi auf Wikipedia:

«Das Kernkraftwerk Fukushima I (…) ist eines der grössten in Japan. Es besteht aus sechs Blöcken, zwei weitere sind in Planung. Der Eigner ist die Tōkyō Denryoku (TEPCO). Es befindet sich in Ōkuma, (…) etwa 250 km nördlich von Tokio, unmittelbar am Meer. Weiterlesen auf Wikipedia


NEU: Deutschsprachige Tweets mit News zum AKW Fukushima-Daiichi
www.fukushima-tweets.de

«Alert log» der Internationalen Atomenergieagentur IAEA (leider nicht sehr aktuell):
http://www.iaea.org/press/

Aktuelle Informationen des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI
www.ensi.ch

Das Nuklearforum versucht einen Überblick über die Ereignisse in Fukushima
http://www.nuklearforum.ch

News und Einschätzungen zur möglichen Entwicklung von Greenpeace
www.greenpeace.ch

«World Nuclear News» mit News zur Verstrahlung von Anwohnern und Angestellten
http://www.world-nuclear-news.org

FAQ von «Zeit»-Online zur atomaren Gefahr
www.zeit.de

Informationen des Bundesamts für Gesundheit zu Strahlung, Iodtabletten und Lebensmittel aus Japan
www.bag.admin.ch

Standort:
[map:http://maps.google.com/maps?f=q&source=s_q&hl=en&geocode=&q=Fukushima+Nuclear+Power+Plant,+Japan&aq=&sll=51.493248,-0.137184&sspn=0.00863,0.022724&ie=UTF8&hq=&hnear=Fukushima+I+Nuclear+Power+Plant&t=h&ll=37.423991,141.028233&spn=0.019836,0.045447&z=15 640 480]

Verkehrte Welt

Manchmal, wenn ihnen sonst gerade nichts mehr einfällt, spielen die Kinder in unserem Quartier «Verkehrte Welt». Ein Ja ist dann ein Nein, Jungs sind Mädchen und wer weiss meint, muss schwarz sagen. Man kann sich sehr verirren in diesem Spiel.

Seit Energieministerin Doris Leuthard angekündigt hat, die drei Rahmenbewilligungsgesuche für neue AKWs in der Schweiz angesichts der Atomkatastrophe in Japan zu sistieren, hat das Spiel auf das politische Geschehen übergegriffen. Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, sagen plötzlich diejenigen Nein, die eigentlich Ja meinen, und umgekehrt.

So begrüsst die «Allianz Nein zu neuen AKW» (ANNA) den Entscheid – ganz offensichtlich in der Hoffnung, dass aufgeschoben auch gleich aufgehoben ist. Applaus bekommt Leuthard auch von den Grünen, die in der Sistierung ein Zeichen sehen, dass man das Problem ernst nimmt.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums regt man sich derweil auf. SVP und FDP haben wenig Verständnis für die Massnahme. Der Entscheid sei „überhastet“, moniert die FDP, und auch die SVP poltert.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass acht Monate vor den Wahlen im Bundeshaus niemand daran denkt, aus den tragischen Ereignissen in Japan nicht politisches Kapital zu schlagen (auch wenn das alle beteuern), dann bleibt nur ein Schluss: In Bundesbern wird «Verkehrte Welt» gespielt. Warum würden sonst AKW-Gegner wie die Grünen oder die «Allianz Nein zu neuen AKW» einen Entscheid begrüssen, der die Abstimmung über neue AKW solange verzögert, bis die Erinnerungen an die Atomkatastrophe in Fukushima verblasst sind? Und warum würden sonst bürgerliche Pro-Atom-Haudegen die Energieministerin rügen statt ihr zu danken, dass sie vor dem alles entscheidenden Urnengang ordentlich Gras über die Sache wachsen lässt? In einer normalen Welt macht das keinen Sinn.

«Verkehrte Welt» endet übrigens nicht selten in einem Chaos. Weil einer plötzlich Ja sagt und tatsächlich Ja meint. Oder weil eine Nein versteht, Ja sagt und immer noch Nein meint. Oder weil irgendeiner dann den anderen erklärt, sie seien alles «dummi Sieche». Und es genauso meint.