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«No pressure»: Wenn Gutmenschen schockieren wollen

Eigentlich wollte die britische Klimaschutzinitiative 10:10 nur auf ihre Idee aufmerksam machen: ab dem Jahr 2010 die CO2-Emmissionen jährlich um 10 Prozent zu senken. Ob Einzelperson, Familie, Firma oder Regierungsstelle, verpflichten können sich alle, und ob man auf der 10:10-Website öffentlich gemachte Versprechen dann auch einhält, kontrolliert niemand. «No pressure – kein Druck», lautet das Motto der Organisation.
«No pressure» heisst aber auch der Kürzestfilm, mit dem 10:10 ihr Anliegen im Internet verbreiten wollte – und das ging furchtbar daneben. Das vier Minuten lange Werk von Regisseur Richard Curtis («Four Weddings and a Funeral», «Mr. Bean») sorgte für einen derartigen Sturm der Entrüstung, dass es innert 24 Stunden wieder von der Website von 10:10 verschwand und einer Entschuldigung Platz machte.

Grund für die Empörung im Cyberspace: Das Filmchen zeigt vier Situationen, in denen Menschen, die sich nicht zu einen CO2-ärmeren Lebenswandel verpflichten wollen, per Knopfdruck und mit einem süffisanten «no pressure» in die Luft gesprengt werden.

Seither gehen die Wogen hoch: Ist das nun eine «Anleitung zum Klimaterrorismus», wie sich die der deutschen FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung empörte? Oder «ein lustiges Filmchen», das «sehr aussagekräftig ist», wie auf der Website der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist? Oder hat man da einfach versucht, das alte Rezept der Benetton-Werbung aus den 90er-Jahren – mit möglichst viel Schockwirkung eine möglichst grosse Empörung (und damit Medienpräsenz) zu erzielen – zu kopieren versucht?

Wenn Sie viel Theaterblut und vier identische Pointen in vier Minuten ertragen, dann urteilen Sie selbst.

Klimaforscher Reto Knutti: «Es ist nicht alles verloren, wenn Kopenhagen scheitert»

image KnuttiETH-Klimaforscher Reto Knutti sieht der Welt-Klimakonferenz nicht mit übermässigem Optimismus entgegen. Letztlich aber sei alles eine Frage des Umgangs mit dem CO2-Budget, findet er.

Herr Knutti, an der Klimakonferenz in Kopenhagen wird es im Dezember vor allem darum gehen, ob die Menschheit es schafft, dass sich die Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um nicht mehr als 2 Grad erwärmt. Aus der Sicht des Klimaforschers: Wie realistisch ist dieses Ziel?

Reto Knutti: Das ist nicht primär eine Frage der Klimaforschung, sondern der Politik. Es gibt Szenarien für eine Wirtschaftsentwicklung, die aussagen, dass die 2 Grad möglich sind. Es ist allerdings ein äusserst ambitiöses Ziel. Ob wir es erreichen, ist im Wesentlichen eine Frage des Willens und der Bereitschaft, Geld zu investieren. Es gab in der Vergangenheit Beispiele, wo man ähnliche Ziele erreichte. Das Ozonloch etwa bekam man mehr oder weniger in den Griff, wobei das wesentlich simpler war, als das Klima zu retten. Man konnte einfach Kühlschränke mit anderen Kühlmitteln bauen. Beim Klima hingegen sieht es im Moment eher düster aus. Man hat das Gefühl, dass der politische Wille nicht da ist. Es gibt zu viele partikuläre Interessen, und es geht um Geld und Macht. Dazu kommt die heikle Frage, um wie viel die einzelnen Länder ihren Ausstoss reduzieren müssen.

Optimismus tönt anders.

Im Moment sieht es tatsächlich eher schlecht aus. Aber letztlich werden wir auch erst in 50 oder 100 Jahren wissen, was die Massnahmen, die allenfalls in Kopenhagen beschlossen werden, tatsächlich gebracht haben. Es ist nicht alles verloren, wenn die Verhandlungen in Kopenhagen scheitern. Falls ein oder zwei Jahre später die richtigen Entscheide gefällt und umgesetzt werden, dann ist es immer noch möglich, das Ziel zu erreichen. Kopenhagen entscheidet nicht über Untergang oder Weiterleben. Wichtig ist, wie wir langfristig mit unserem CO2-Budget umgehen.

Das heisst?

Wenn wir die 2 Grad erreichen wollen, dann haben wir weltweit nur noch eine bestimmte Menge CO2 zugut, die wir ausstossen dürfen. Für die Zeit zwischen den Jahren 2000 bis 2050 sind das rund 1000 Milliarden Tonnen CO2. Sollte es nun in Kopenhagen zu keiner Einigung kommen, so bedeutet das, dass wir weiterhin viel von diesem Budget «aufbrauchen» und später den Gürtel entsprechend enger schnallen müssen. Wenn wir früher mit Sparen anfangen, haben wir später noch etwas mehr übrig. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, mit dem Rest noch auszukommen.

Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Wenn ich lange Zeit viel Geld zur Verfügung habe, dann fällt es mir doch umso schwerer, wenn ich plötzlich nur noch ganz wenig ausgeben kann.

Genau. Wenn ich Ende Januar die Hälfte meines Jahresbudgets ausgegeben habe, dann habe ich spätestens Ende Jahr ein ernsthaftes Problem. Aber es gibt nicht einen bestimmten Stichtag im Februar, an dem ich sagen muss: «Jetzt bin ich verloren», sondern es wird einfach graduell immer schwieriger, mit dem verbleibenden Geld auszukommen. Und genau so verhält es sich auch bei fossilen Ressourcen.

Die Aussage «Jetzt oder nie», die man im Hinblick auf Kopenhagen immer wieder hört, würden Sie also nicht unterschreiben?

Nein. Aber es ist klar, dass bei einem Nullentscheid in Kopenhagen die Situation immer schwieriger wird. Jedes Jahr, das wir zuwarten, bringt uns in eine verworrenere Situation, in der wir uns noch mehr anstrengen müssten, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Unabhängig von den Zahlen hat Kopenhagen wie Kyoto aber auch Signalcharakter: wenn wir jetzt nicht beweisen dass ein internationales Abkommen grundsätzlich möglich ist, wird es fraglich warum wir auf eine Einigung später hoffen sollten.

Sind das nicht frustrierende Aussichten, wenn man tagtäglich mit dem Thema zu tun hat und weiss, was notwendig wäre?

Als Klimawissenchaftler kann man die Welt nicht retten. Wir können nur die Informationen liefern, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik möglichst die besten Entscheidungen treffen können. Wenn unsere Informationen nicht ernstgenommen werden, dann ist das zwar frustrierend, aber wir können wenig dagegen machen. In diesem Sinne mache ich unter Klimaforschern weder Panik noch grosse Vorfreude aus. Wir sind nicht Greenpeace, die sich vor das Bundeshaus setzen und Aktivismus vorleben. Als Klimawissenschaftler sorge ich mich zwar um den Zustand der Umwelt, aber ich habe keine politische Agenda.

Professor Reto Knutti, 36, erforscht an der ETH Zürich Veränderungen im globalen Klimasystem, die durch den steigenden menschlichen Ausstoss von Treibhausgasen wie Kohlendioxid verursacht werden.

Mehr zum Thema Klimaforschung lesen Sie in der nächsten Ausgabe von BeobachterNatur. Das Heft ist ab dem 13. November am Kiosk erhältlich.


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Eis schmelzen leichtgemacht, die Fortsetzung

EisblockDie Eisblockwette auf dem Berner Waisenhausplatz ist zu Ende, das Resultat steht fest: Vom 1-Tonnen-Block, der in einem nach Minergie-P-Standard isolierten Häuschen seit dem 12. August vor sich hinschmolz, sind 60 Kilogramm Eis geblieben. Ein identischer Block in einem schlecht isolierten Häuschen war bereits am 28. August verschwunden. Den Abschluss der Aktion, die für den Minergie-P-Standard bei Bauten werben und gleichzeitig die Bevölkerung für Klimaschutz sensibilisieren sollte, bildete eine wenig klimafreundliche Wägeaktion: Mit einer an einem Kranwagen angehängten Waage wurde das Gewicht des verbleibenden Eisblocks gewogen.
Auf nicht eben klimafreundliche Weise – per Helikopter – war am 12. August auch ein Eisblock auf den Triftgletscher transportiert worden. Das Resultat: Nach rund 71 Stunden hatten laut Webseite «lausbübisches Handanlegen» und die «brennende Sonne» dem Spuk den Garaus gemacht.
Nun machen die Organisatoren aber klar, dass sie sich von solchen Misserfolgen nicht von ihrem Plan abbringen lassen: Am 9. September, so kündigen sie auf ihrer Webseite an, werde auf dem Grindelwaldgletscher die nächste Wette gestartet. Auf dass weiter im Namen des Klimaschutzes Eisblöcke in der Gegend herumgeflogen werden.


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