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Lesetipp für das ENSI

Die Öffentlichkeit darf nicht erfahren, wie es um den Reaktordruckbehälter im AKW Mühleberg genau steht. Das ENSI hält den Prüfbericht dazu unter Verschluss.

8707 Risse im Reaktordruckbehälter des AKWs Doel-3, 2450 Risse in Tihange-2: Diese Zahlen listet die WoZ in ihrer neusten Ausgabe auf. Die beiden belgischen Atommeiler haben eine unangenehme Gemeinsamkeit mit dem AKW Mühleberg: Die Reaktordruckbehälter (RDB) stammen aus der gleichen Fabrik, der mittlerweile konkursiten Rotterdamsche Droogdok Maatschappij. Zwar erklärte die BKW schon Tage nach dem Bekanntwerden der Risse in Doel-3, dass das in Mühleberg verwendete Material sei nicht identisch mit demjenigen in Doel-3 und kündigte eine Untersuchung an. Diese war aber schon nach wenigen Tagen beendet, und die BKW vermeldete, «dass der RDB intakt und nicht von gleichartigen Herstellungsfehlern, wie sie in Doel-3 vermutet werden, betroffen ist». In den beiden belgischen AKWs dauern die Untersuchungen derweil an – voraussichtlich bis mindestens Ende Jahr.

Der kleine Unterschied bei den Inspektionen: In Doel-3 und Tihange-2 werden die Reaktordruckbehälter integral inspiziert, in Mühleberg lediglich ein «repräsentativer Teil» von einem halben Meter Breite über die ganze Höhe. Diese Untersuchungen wie auch eine visuelle Überprüfung von einzelnen im RDB eingebauten Komponenten hätten «keine sicherheitsrelevanten Befunde ergeben», erklärt ein BKW-Sprecher gegenüber dem «Beobachter» (Nr. 21/2012, nicht online verfügbar). Nicht untersucht wurden jedoch so genannte «Inhomogenitäten» (ein 4,06 Zentimeter langer und 3,2 Millimeter langer Riss) am RDB, welche im Jahr 2009 entdeckt worden waren. Diese werden gemäss BKW nur alle zehn Jahre inspiziert.

Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Das Ensi verweigert die Herausgabe des entsprechenden Prüfberichts mit dem Hinweis auf darin enthaltene «Geschäftsgeheimnisse».

Vor ein paar Wochen habe ich an dieser Stelle den ENSI-Verantwortlichen empfohlen, doch wieder einmal im Werk des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zu lesen zu lesen. Diesmal tut es auch die Lektüre einer Empfehlung des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten. In einem ähnlich gelagerten Fall schrieb dieser im letzten Sommer: «Eine korrekte Anwendung des Verhältnismässigkeitsprinzips kann (…) nur in Ausnahmefällen zu einer vollständigen Zugangsverweigerung zum integralen Dokument führen.» Dabei sei zu bedenken, «dass die Behörde die Ansicht des Dritten nicht unbesehen übernehmen darf, sondern vielmehr (…) gehalten ist, eine eigene Stellungnahme abzugeben.»

Wie gesagt: Die ENSI-Verantwortlichen täten gut daran, diese Stellungnahme zu lesen. Spätestens für die Schlichtungsverhandlung, die der «Beobachter» beantragt hat.

Falsche Arbeitshypothese

Willy de Roovere, der Chef der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC, hat sich kritisch über die Sicherheit der belgischen AKWs geäussert. Das hätte er lieber sein lassen.

Dass der Mann beruflich tot ist, war spätestens Mitte August klar. Im AKW Doel 3 gebe es Anzeichen für bis zu 8000 Risse im Reaktordruckbehälter, erklärte da Willy de Roovere, Chef der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC, an einer Medienkonferenz. Zudem wiederholte er seine schon am Fernsehen geäusserten Zweifel, ob Doel 3 je wieder ans Netz gehen könne. Dann erklärte er auch noch, eine 50-prozentige Chance bestehe, dass auch Tihange 2, das zweite belgische AKW, betroffen sein könnte. Und als ob das alles für einen professionellen Selbstmord eines Atomaufsehers nicht genug wäre, fügte er noch an, dass möglicherweise sämtliche ähnlich gefertigten Reaktordruckbehälter aus der Zeit – weltweit etwa 350 – von Fertigungsfehlern betroffen sein könnten.

Willy de Roovere ist von seiner Laufbahn her alles andere als ein AKW-Gegner. Er hat während seiner Karriere in der belgischen Atomindustrie behände Stufe und Stufe erklommen und es schliesslich an die Spitze der Atomaufsicht gebracht. Nun hat er aber ein ungeschriebenes Gesetz der Gilde gebrochen: Als Mitglied einer Atomaufsichtsbehörde zweifelt man nicht an der Sicherheit von Atomkraftwerken. Nie. Und wenn schon, dann höchstens im stillen Kämmerlein, aber ganz sicher nicht in der Öffentlichkeit. Denn das oberste Gebot heisst in dieser Gilde: AKWs sind sicher. Wenn nicht in Wirklichkeit, dann wenigstens als Arbeitshypothese.

Die Strafe für de Roovere folgte auf dem Fuss. Belgische Medien melden, de Roovere sei „sur la sellette“, zu Deutsch: auf dem Schleudersitz. Die geschilderten Vorgänge lassen jedoch den Schluss zu, dass der Mann sich längst im freien Fall befindet. Noch im Juli hatte die belgische Regierung beschlossen, die Amtszeit des 66-Jährigen zu verlängern. Einzig die Unterschrift des belgischen Königs fehlte noch.

Kaum hat sich jedoch de Roovere aber kritisch über die Sicherheit der belgischen AKWs in Doel und Tihange geäussert, präsentiert nun der FANC-Vewaltungsrat plötzlich vier Kandidaten für de Rooveres Nachfolge. Der Entscheid soll schon Mitte September fallen.

So schnell kann es gehen, wenn ein Atomaufseher pötzlich die falsche Arbeitshypothese vertritt.

Ansichten eines Scheissjournis

Nach den folgenden Zeilen werde ich ein Scheissjourni sein. Ein Schreiberling, der für ein kapitalistisches Medium arbeitet und daher für die revolutionäre Sache per definitionem verloren ist. Einer, der lieber mit den «Bullen» paktiert als diese zu bekämpfen.

Der Grund für die absehbare Ächtung durch die revolutionären Kreise ist simpel: Mir graut davor, dass Sympathisantinnen und Sympathisanten von «AKW Ade» ab Anfang September die Zufahrt zum AKW Mühleberg blockieren und so dessen Abschaltung erzwingen wollen.

Dabei hatte das Anti-AKW-Camp, das von April bis Ende Juni am Berner Viktoriaplatz direkt vor dem Hauptsitz der BKW stand, ja durchaus positive Seiten: Es gab Musik, Flugblätter, Strom aus Solaranlagen und vor allem die tägliche Botschaft an die BKW-Oberen, dass das marode AKW Mühleberg endlich abgeschaltet werden solle. Dagegen war nichts einzuwenden.

Etwas irritiert war ich jedoch, als ich auf «Telebärn» die Bilder von der polizeilichen Räumung des Camps sah. Da tauchten plötzlich altbekannte Gesichter und Namen auf. Allen voran: Giovanni Schumacher, Revolutionär der ersten Stunde und seit Jahrzehnten in Bern überall dabei, wo es gegen die Staatsmacht zu protestieren gilt. Nur in der Anti-AKW-Bewegung ist «Fashion» (so der Szenename) bisher noch nie aufgefallen – mir zumindest nicht.

So wird mir beim Gedanken, dass ab dem 4. September die Zufahrt zum AKW Mühleberg blockiert werden soll, ziemlich «gschmuech». Zwar wird auf der Website der Bewegung zu «Aufrichtigkeit, Respekt und Gesprächsbereitschaft» aufgerufen wird und man betont, Polizei und Angestellte des AKWs seien «nicht unsere Gegner». Wenn aber selbsternannte Kämper gegen Staatsmacht und «Bullenterror» in der vordersten Reihe stehen, dann dürfte das der Sache abträglich sein. Gegen das AKW Mühleberg gibt es zahlreiche bessere Argumente als revolutionäre Parolen: Risse im Kernmantel, die Überflutungsgefahr, die unzureichende Kühlung des Brennelementbeckens, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Aber eben: Ein Scheissjourni versteht das wohl einfach nicht.