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Rechnen mit dem BLW


Das Bundesamt für Landwirtschaft verweigert genaue Angaben zum Gebrauch von Pestiziden und beruft sich dabei auf das Geschäftsgeheimnis der Hersteller. Es braucht wenig mathematisches Wissen, um diese Begründung als Ausrede zu entlarven.

Bis 2006 war es relativ einfach, sich ein Bild darüber zu machen, wie grosse Mengen an Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft eingesetzt werden. Die Schweizerische Gesellschaft der Chemischen Industrie (SGCI, heute «scienceindustries») erhob die Zahlen selber, und rückte diese auf Anfrage auch heraus. Die Zahlen waren zwar nicht vollständig, weil die Produkte von Nicht-SGCI-Mitgliedern nicht in der Statistik aufschienen, aber sie vermittelten einen Eindruck, was auf Schweizer Feldern und in den Gärten eingesetzt wird.

Seit 2006 führt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) die Statistik – und gibt bloss noch vage Gesamtzahlen bekannt. So darf die Öffentlichkeit nur noch erfahren, dass pro Jahr um die 2100 Tonnen Pestizide verbraucht werden. Um welche Substanzen es sich dabei handelt, sagt das BLW nicht. Dabei zeigt gerade die jüngst publizierte Studie des Wasserforschungsistituts Eawag zur Pestizidbelastung der Schweizer Gewässer, dass es durchaus von öffentlichem Interesse ist, welche Pestizide in welchen Mengen in die Umwelt gelangen. Die Begründung der Landwirtschafts-Beamten: Es handle sich um ein Geschäftsgeheimnis der Produzenten, und wenn bekannt würde, wieviel von einem bestimmten Produkt eingesetzt werde, könnten Konkurrenten daraus schliessen, welche Firma wieviel davon verkauft.

Zugegeben: Mathematik war nie meine Stärke. Gleichungen mit einer Unbekannten kann ich gerade noch lösen, aber dann ist bald einmal Schluss. Was ich aber weiss ist, dass es ohne weitere Angaben praktisch unmöglich ist, aus einer Gesamtmenge A und einer Teilmenge B weitere Teilmengen abzuleiten, wenn deren Zahl höher als 1 ist. Oder konkreter: Wenn ein Pestizid von drei Firmen hergestellt wird, können diese drei Firmen aus der Gesamtmenge nicht schliessen, wieviel die beiden anderen Mitbewerber jeweils genau produzieren.

Nun zeigt ein Blick in die Pestizid-Datenbank des BLW, dass alle der 20 meistgebrauchten Pestizide (die entsprechende Liste ist, leider ohne brauchbare Mengenangaben, über Umwege in meinen Besitz gelangt) von mindestens drei Unternehmen hergestellt werden. Ein «Geschäftsgeheimnis» ist somit von vornherein keine valable Begründung, um die Mengenangaben zu verweigern. Ein Gesuch nach Öffentlichkeitsgesetz, um die Liste doch noch zu erhalten, ist eingereicht. Ich warte gespannt.

Siehe dazu auch den Beitrag im Beobachter 6/2014: «Giftcocktails im Wasser»