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100 Prozent sind nicht genug

Die gute Nachricht: Der Schweizer Strom ist grüner geworden. Die schlechte: Die Stromversorger haben eine Rechenschwäche.

Es ist so eine Sache mit der Stromkennzeichnung: Die Elektrizitätswerke lieben sie nicht, weil sie Mehraufwand bedeutet. Die Stromkunden wiederum, denen die Zusammenstellung Auskunft darüber geben sollte, wie der Strom produziert wurde, der aus ihrer Steckdose kommt, diese Kunden foutieren sich weitgehen darum. Strom gleich Strom, und dieser nun aus einem AKW oder von einer Photovoltaikanlage stammt, ist den meisten so lang wie breit. Hauptsache, Kaffeemaschine, Fernseher und Computer laufen zuverlässig.

Nun sind die Schweizer Stromversorger seit Anfang Jahr verpflichtet, die Stromkennzeichnung von allen Elektrizitätswerken der Schweiz im Internet zu publizieren. Theoretisch kann nun jedermann mit ein paar Klicks auf stromkennzeichnung.ch nachschauen, wie sein Strom produziert wurde. Betreut wird die Seite vom Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) und von Swissgrid.

Die Werte bleiben jedoch wenig aussagekräftig – ausser man macht etwas damit, wie im aktuellen „Beobachter“ geschehen (Artikel nicht online verfügbar): Eine – zufällige – Auswahl von rund 50 EWs aus der ganzen Schweiz sagt einiges über die Geschäftspolitik der Stromversorger aus. Ausgerechnet in den wasserreichen Alpentälern stammt der Strom oftmals zu mehr als der Hälfte aus so genannten nicht überprüfbaren Energieträgern, sprich: tendenziell aus ausländischen Atom- und Kohlekraftwerken. Die städtischen EWs hingegen geben sich grün. Viele liefern ihrer Kundschaft standardmässig Strom, der überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammt.

Abgesehen von solchen Erkenntnissen bleibt der Informationswert der Website bescheiden: Gemeldet werden muss nur der Durchschnittswert des vom EW verkauften Stroms. Genaue Auskunft über den persönlichen Strommix gibt immer noch ausschliesslich die Rechnung.

Protest per Dyskalkulie

Kommt hinzu, dass die Stromversorger mit ihren Meldungen ihren Unmut über den zusätzlichen Aufwand deutlich kundtun: Die Website strotzt nur so von Fehlern. So kommen etwa zahlreiche Elektrizitätsversorger bei der Berechnung ihrers Strommix‘ auf sagenhafte 101,3 Prozent. Des Rätsels Lösung: 1,3 Prozent des schweizerischen Stroms wird durch die Kostendeckende Einspeisevergütung gefördert. Die EWs haben die Zahl schlicht dazugezählt.

Erstaunlich auch, was beim gesamtschweizerischen Strommix für Zahlen resultieren: Bloss 11 Prozent der Elektrizität stammt laut Website von nicht überprüfbaren Energieträgern. 2009, als die letzte offizielle Zusammenstellung gemacht wurde, waren es noch 18 Prozent. Wer jetzt meint, der Schweizer Strommix sei grüner oder zumindest transparenter geworden, der irrt: Die Zahlen auf stromkennzeichnung.ch sind schlicht nicht mengengewichtet. Der Strommix des EWs Törbel zählt damit exakt gleichviel wie derjenige der Axpo. Man kann das als Rechenschwäche abtun. Oder man kann sich fragen, ob der Schweizer Strom vielleicht ganz bewusst massiv grüner gemacht wird, als er tatsächlich ist.

It’s the power mix, stupid!

Die Energiesparlampe ist besser als ihr Ruf – und für ihre Ökobilanz ist vor allem der Konsument verantwortlich.

Zufall oder nicht: Kurz bevor das letzte Stündlein der stromfressenden 100-Watt-Glühbirne schlug, hagelte es an ihrer Nachfolgerin, der Energiesparlampe, Kritik: Sie sei nicht halb so ökologisch wie behauptet, spare weniger Strom als angegeben und müsse wegen ihres Quecksilbergehalts als Sondermüll entsorgt werden.
Nun haben die drei Forscher Roland Hischier, Tobias Welz und Lorenz Hilty von der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (EMPA) die Sache genauer unter die Lupe genommen und die Ökobilanz von Energiesparlampen mit derjenigen von herkömmlichen Glühbirnen, Halogenlampen und Fluoreszenröhren verglichen. Das Resultat ihrer Untersuchungen, die den gesamten Lebenszyklus von der Produktion bis zur Entsorgung beinhaltete: Energiesparlampen sind von den vier untersuchten Leuchtkörpern am ökologischsten, und zwar selbst wenn sie nicht rezykliert, sondern im normalen Hausmüll verbrannt werden.

Mindestens ebenso interessant wie dieses Resultat ist jedoch ein anderes, das in der Medienmitteilung der EMPA nur ganz am Schluss erwähnt wird: Beim Betrieb von Lampen ist weniger deren Bauart als vielmehr die Zusammensetzung des Stroms wichtig, mit dem sie zum Leuchten gebracht werden. Die Forscher der EMPA-Abteilung „Technologie und Gesellschaft“ haben dazu den „environmental break-even point“ errechnet, also die Brenndauer, nach der zwei unterschiedliche Lampen die Umwelt gleich stark belasten. Lässt man nun eine Glühbirne und eine Energiesparlampe mit „europäischem“, also grösstenteils in Kohle- oder Gaskraftwerken produziertem Strom, brennen, so ist die Umweltbilanz der Energiesparlampe bereits nach 50 Stunden besser als diejenige der Glühbirne. Mit „sauberem“ Strom aus Schweizer Wasserkraft, dauert es immerhin 187 Stunden (oder knapp acht Tage), bis die Energiesparlampe der Glühbirne ökologisch überlegen ist.

Fazit: Wer seine Beleuchtung umweltverträglich gestalten will, sorgt als erstes dafür, dass sein Elektrizitätswerk sauberen Strom ins Haus liefert – und zwar wirklich sauberen Strom, sprich: solchen, der nicht aus Pumpspeicherwerken stammt, die Strom aus europäischen Kohle- und Atomkraftwerken „veredeln“. Wer noch mehr tun wird, besorgt sich – zweitens – Energiesparlampen, oder – drittens – wo es sinnvoll ist, gleich die noch viel sparsameren LED-Leuchten. Oder verbringt einfach wieder einmal einen Abend bei Kerzenschein.