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Pavlowsche Reflexe


Es braucht nicht viel, damit eine ungeliebte Idee auf Jahre hinaus im Archiv verschwindet. Eine kleine Indiskretion in der Sonntagspresse reicht.

© Stefan Emilius / pixelio.de
Manch einer hatte sich ob dem Tempo von Eveline Widmer-Schlumpf in den vergangenen Wochen schon die Augen gerieben: Die Finanzministerin, so schien es, hatte ihr grünes Gewissen entdeckt. Sie kündigte an, die ökologische Steuerreform subito durch Bundesrat, Parlament und Volksabstimmung peitschen. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Umstieg von der Atomenergie auf erneuerbare Energien und die Reduktion von CO2 auch finanzierbar sind.

Von wegen. Dank einer kleinen Indiskretion ist dafür gesorgt, dass die ökologische Steuerreform mit Garantie keine Mehrheit finden wird. Ein «Konzept», das – bevor es überhaupt im Bundesrat besprochen wurde – in die Redaktion der «SonntagsZeitung» gelangte, macht klar, dass beim Steuersystem alles beim Status quo bleiben soll – und die Finanzierung der Energiewende alles andere als gesichert ist.

Fünf Franken für einen Liter Benzin! 50 Prozent höhere Strompreise! Da kocht die Volksseele, schon mal präventiv. Schliesslich setzen bei Herr und Frau Schweizer schon Pavlowsche (Abwehr-)Reflexe ein, wenn der Spritpreis einmal über zwei Franken zu klettern droht. «Jenseits», «idiotisch», «absolut kein Thema», lassen sich Volk, Wirtschaft und Politik in der Montagspresse zu den Plänen von Widmer-Schlumpf zitieren.

In der Empörung geht – möglicherweise bewusst – eine andere Zahl unter: 2050. Die fünf Franken pro Liter und 50% höheren Stromkosten sollen nach dem Konzept erst im Jahr 2050 erreicht werden – in 38 Jahren also. Wie sich die Preise bis dahin entwickeln, weiss kein Mensch. Aber um die ökologische Steuerreform zu versenken, braucht es ja auch keine genauen Zahlen, sondern nur ein paar Reizziffern.

Verdammt finster

Nach und nach haben sie sich in den vergangenen Tagen wieder hervorgewagt, die Befürworter der Atomkraft. Statt der Zweifler, die plötzlich das Hohelied der sicheren und sauberen Energie verlernt zu haben schienen, das sie jahrelang zum Besten gegeben hatten, trauen sich plötzlich die Vorsänger wieder ans Licht. Und sie tun das, was man tut, wenn man durch einen finsteren Wald gehen muss und die bösen Geister fürchtet: Sie pfeifen ganz besonders laut, um diese zu vertreiben.

Sicherheitshalber pfeifen sie gleich mehrere Lieder auf einmal, und das mehrstimmig. Eines davon ist das «Erst-müssen-wir-wissen-was-passiert-ist»-Lied. Erst wenn die Ursachen für die Reaktorkatastrophe in Fukushima klar und analysiert sei, so der Refrain, könne man sagen, welche Massnahmen sich nun für die bestehenden Schweizer Atommeiler aufdrängten.

Die älteren Semester werden sich an die zweite Melodie erinnern können. Sie wird seit 25 Jahren jedesmal reflexartig angestimmt, wenn jemand das Wort «Tschernobyl» in den Mund nimmt. «Hier doch nicht, hier doch nicht», tönt es dann (eine Art Rap, der nur sehr schwer fehlerfrei zu pfeifen ist), und den Text zur Melodie hätten wir nach 25 Jahren beinahe geglaubt: Dass in einer hochtechnologisierten Welt alles viel besser und sicherer ist als in der rückständigen Barbarei eines mittlerweile untergegangenen Reiches irgendwo weit in Osteuropa.

Die beiden Melodien sind in den vergangenen zwei Wochen da und dort angestimmt worden. Der dritte Song jedoch erklingt erst seit ein paar Tagen wieder. Eigentlich ist es ein Medley, das da gepfiffen wird: «Stromlücke» heisst eine der Melodien davon (ein Evergreen), «Es-geht-nicht-ohne-Kernkraft» eine weitere. Abgerundet wird das launige Stück mit «Erneuerbare reichen nicht, mein Darling» und «Wer soll das bezahlen?».

Und während die Pfeiferei der Atomlobbyisten fast die Nachrichten über kontaminiertes Trinkwasser, Sperrzonen, Plutonium und Kernschmelzen übertönen, denken wir: Es muss ein verdammt finsterer Wald sein, dass die so laut pfeifen.