Verkehrte Welt

Manchmal, wenn ihnen sonst gerade nichts mehr einfällt, spielen die Kinder in unserem Quartier «Verkehrte Welt». Ein Ja ist dann ein Nein, Jungs sind Mädchen und wer weiss meint, muss schwarz sagen. Man kann sich sehr verirren in diesem Spiel.

Seit Energieministerin Doris Leuthard angekündigt hat, die drei Rahmenbewilligungsgesuche für neue AKWs in der Schweiz angesichts der Atomkatastrophe in Japan zu sistieren, hat das Spiel auf das politische Geschehen übergegriffen. Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt, sagen plötzlich diejenigen Nein, die eigentlich Ja meinen, und umgekehrt.

So begrüsst die «Allianz Nein zu neuen AKW» (ANNA) den Entscheid – ganz offensichtlich in der Hoffnung, dass aufgeschoben auch gleich aufgehoben ist. Applaus bekommt Leuthard auch von den Grünen, die in der Sistierung ein Zeichen sehen, dass man das Problem ernst nimmt.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums regt man sich derweil auf. SVP und FDP haben wenig Verständnis für die Massnahme. Der Entscheid sei „überhastet“, moniert die FDP, und auch die SVP poltert.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass acht Monate vor den Wahlen im Bundeshaus niemand daran denkt, aus den tragischen Ereignissen in Japan nicht politisches Kapital zu schlagen (auch wenn das alle beteuern), dann bleibt nur ein Schluss: In Bundesbern wird «Verkehrte Welt» gespielt. Warum würden sonst AKW-Gegner wie die Grünen oder die «Allianz Nein zu neuen AKW» einen Entscheid begrüssen, der die Abstimmung über neue AKW solange verzögert, bis die Erinnerungen an die Atomkatastrophe in Fukushima verblasst sind? Und warum würden sonst bürgerliche Pro-Atom-Haudegen die Energieministerin rügen statt ihr zu danken, dass sie vor dem alles entscheidenden Urnengang ordentlich Gras über die Sache wachsen lässt? In einer normalen Welt macht das keinen Sinn.

«Verkehrte Welt» endet übrigens nicht selten in einem Chaos. Weil einer plötzlich Ja sagt und tatsächlich Ja meint. Oder weil eine Nein versteht, Ja sagt und immer noch Nein meint. Oder weil irgendeiner dann den anderen erklärt, sie seien alles «dummi Sieche». Und es genauso meint.

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Ein Gedanke zu „Verkehrte Welt

  1. Ich stimme dir zu. Was traurig ist, ist die Tatsache, dass tausende von Menschen zuerst sterben müssen, dass die Interessenpolitik ins Licht erscheint. Waren es nicht vor ein paar Wochen dieselben Politiker, die uns gesagt haben, dass Mühleberg Erdbeben sicher ist? Jetzt tönt’s wieder anders…

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