Zeitspiel an der Aare

Die Nachrüstungen im AKW Mühleberg müssen warten. Die BKW will erst nachrechnen, ob sich die Stromproduktion aus dem Uralt-Reaktor doch noch irgendwie rentieren könnte.

Auf Zeit spielen, um ein Resultat über die Runden zu bringen, gilt im Fussball nicht bloss als unschön, es wird geahndet: erst mit einer gelben, im Wiederholungsfall mit einer roten Karte. In der Schweizer Energiewirtschaft erleben wir derzeit einen geradezu klassischen Fall von Zeitspiel – und warten nun gespannt darauf, ob der Schiedsrichter denn auch wirklich pfeift oder ein weiteres Mal wegschaut. Das Anschauungsbeispiel ist – wieder einmal – das AKW Mühleberg. Seit mehr als eineinhalb Jahren plant man nun bei der Bernischen Kraftwerke AG (BKW), wie man den auf 40 Betriebsjahre ausgelegten Uralt-Reaktor (Inbetriebnahme: 1972) für einen Betrieb über mindestens 50 Jahre fit machen könnte. Denn nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima dämmerte es sowohl der BKW als auch dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI), dass beim Werk westlich von Bern möglicherweise doch nicht alles so wunderbar sicher ist, wie immer behauptet. So versprach man unter anderem eine «diversitäre Wasserversorgung» (bisher ist Wasser aus der Aare das einzig verfügbare Kühlmittel), man stellte neue und zusätzliche Zuganker für den rissigen Kernmantel in Aussicht und erklärte, dass man die Mauer des Wohlenseestaudamms mit Pfählen sichern wollte.

Und nun? Nichts.

Die BKW verkündet in einem knappen Communiqué, dass die ursprünglich erwarteten Kosten von 170 Millionen Franken «überschritten werden. Die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit und ein Entscheid über die Nachrüstprojekte im KKM sind per Ende 2013 geplant.»

Anders gesagt: Das AKW Mühleberg muss nachgerüstet werden, weil es den Anforderungen nicht mehr entspricht (respektive nie entsprochen hat). Noch anders gesagt: weil es unsicher ist. Weil das aber mehr kostet, als man sich in der BKW-Chefetage aufgrund der Rentabililtätsrechnungen vorgestellt hat, verschiebt man den Entscheid bis Ende 2013. Schuld an dieser Verschiebung sind gemäss Communiqué:

  • die «komplexe Offert-Situation»
  • die «Anbieter» bei denen angeblich der Wettbewerb fehlt
  • das Bundesgericht, das in der Causa Mühleberg noch nicht entschieden hat.

  • Als Schuldige nicht genannt werden in dem Communiqué die BKW-Oberen, die offenbar chatzfalsch gerechnet haben und nun einfach mal auf Zeit spielen und schauen was passiert. Denn bisher konnte man sich in Mühleberg noch fast immer drauf verlassen, dass der Schiri – konkret: das ENSI – nicht pfeift. Dieses soll laut «Bund» in den nächsten Tagen über die von der BKW vorgeschlagenen Nachrüstungen entscheiden. Wir warten gespannt.

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